Verfasst von: suedwestfunk | 4. April 2010

Vom rituellen Schlachten


(aus „Der menschliche Kosmos“)

Das älteste und unentbehrlichste Haustier des Menschen ist der Sündenbock. Dieses Tier besitzt einige erstaunliche Eigenschaften: es ist praktisch fast überall und jederzeit verfügbar, ohne dass es anwesend sein müsste. Sein Aussehen ist von unbegrenzter Mannigfaltigkeit, niemand kann behaupten, je seine Urgestalt erblickt zu haben, noch eindeutige artspezifische Merkmale benennen zu können.
Vom Sündenbock lässt sich nur soviel mit Sicherheit sagen: er ist immer da, wenn er gebraucht wird, und er ist schuld.
Niemand hat meines Wissens – und das grenzt in der Ära der Statistiken und des alles erfassenden quantifizierenden Denkens an ein Wunder – genau quantifiziert, wie viel Zeit Menschen im Laufe ihres Lebens auf Jagd nach dem Sündenbock verbringen. Es ist sehr viel. Das Kind, um dem strafenden Blick zu entgehen, lernt nicht nur früh das reflexhafte „Ich war’s nicht“, sondern auch alsbald den weitere Verfolgung abwendenden Satz: „Er (oder sie) war’s“, oder etwas intelligenter: „…hat angefangen“. Und ebenso schnell lernt das Kind, dass abwesende Sündenböcke viel besser sind als anwesende: sie können sich nicht dagegen wehren, wenn es sie beschuldigt.
Aus Reden und Reaktionen der Erwachsenen erfahren Kinder, dass dies eine sehr erfolgreiche Strategie ist, weil überhaupt immer jemand schuld sein muss, wenn etwas schiefläuft. Da im Leben einiges schiefläuft, verbringen Menschen von der Kindheit bis zum Greisenalter viel Zeit mit der Suche nach Schuldigen. Sagen wir lieber genauer: mit der Jagd nach Sündenböcken. Denn tatsächlich sind an schieflaufenden Angelegenheiten allzu häufig mehrere Seiten beteiligt – womöglich man selbst – und da bietet sich das gut verfügbare, schnell als Ziel auszumachende und möglichst gefahrlos zu schlachtende Tier einfach an.
Da es zu erlegen ein allgemein akzeptiertes Ritual ist, wird jeden Tag in den Zeitungen auf Titelseiten und in den Kopfmeldungen der Fernsehanstalten gern ein Sündenbock geschlachtet. Nur dem Zeter-und-Mordio- Ritual und dem Mitleidsritual hängen Menschen und Medien mit vergleichbarer Hingabe an – und wenden entsprechend viel Zeit dafür auf. Denn nicht nur die wirkliche Jagd zu Hause oder am Arbeitsplatz frisst ja Zeit, auch die Beschreibungen, Analysen, Klassifizierungen der politischen, wirtschaftlichen, moralischen Erscheinungsformen des Sündenbocks in den Medien, die Präsentationen im Spielfilm und Showbiz, im Fußball und in der Wissenschaft müssen dazu gerechnet werden, weiter die Reden im Wirtshaus, beim Friseur oder im Verein. Genaugenommen sind wir mit wenig anderem so ausdauernd beschäftigt wie mit diesem Ritual, und das heißt: Feindbilder zu zeichnen und Schuld zuzuweisen.
Niemand wagt ernsthaft, den Sinn und die Zweckmäßigkeit dieses Rituals öffentlich infrage zu stellen.

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Responses

  1. Das Schlachten von Sündenböcken- ein allgemein akzeptiertes Ritual

    gehört zur Kosmogenie des Menschen so wie es Tag und Nacht gibt und ist schon seit Menschengedenken ein Thema. Beim Mythos vom Sündenbock beginnt man am besten bei Leviticus im Alten Testament, bei der Beschreibung des alten hebräischen Rituals. Mythische Sündenbock- Figuren sind Jesus, Orpheus, Orest und Ödipus. Falls manche Leute beim Lesen des Artikels denken, dass der Sündenbock ein ausschließlich westliches Thema ist, kann man auch an Tlazoltteutl, die aztekische Göttin der Geburt und die „Esserin von Schmutz“ denken.
    Hier eine Geschichte aus China. Kennst du sie?

    Bei vielen Ureinwohnern Chinas wird im 3. Monat des Jahres ein großes Fest gefeiert. Es wird als großes Freudenfest über eine angebliche Vernichtung des Bösen, das sich innerhalb der letzten 12 Monate angesammelt hat, begangen. Die Vernichtung soll auf folgende Weise vor sich gehen: Ein großer irdener Krug, mit Schießpulver , Steinen und Eisenstücken angefüllt, wird in der Erde vergraben. Hierauf wird eine Zündschnur gelegt, die mit dem Krug in Verbindung steht. Krug und Inhalt wird in die Luft gesprengt. Steine Und Eisenstücke stellen die Übel und Katastrophen der Vergangenheit dar und ihre Zerstreuung durch die Explosion soll das Unheil beseitigen.
    Große Trunkenheit und Schwelgerei sind Begleiterscheinungen dieses Festes.
    Auch wählten die Ureinwohner Chinas als Schutz gegen die Pest einen Mann von großer Muskelstärke aus, der die Rolle des Sündenbocks spielen mußte. Er beschmierte sich das Gesicht mit Farbe und führte dann allerlei seltsame Possen auf, die alle ansteckenden und gefährlichen Einflüsse veranlassen sollten, sich nur an ihn zu heften. Ein Priester half ihm. Schließlich wurde der Sündenbock von Tam-tam schlagenden Männern und Frauen verfolgt und in großer Eile aus Stadt oder Dorf vertrieben. Im Pendschah besteht eine Kur gegen Maul- und Klauenseuche darin, dass man einen Mann der Chamarkaste mietet, sein Gesicht vom Dorfe abkehrt und mit glühender Sichel ihm ein Brandmal beibringt. Dann läßt man ihn in den Dschungel hinausgehen und die Maul -und Klauenseuche nimmt er mit. Er darf nicht zurückschauen. (siehe Orpheus).

    (aus der „Goldene Zweig“ von James George Frazer- eine Studie über Magie und Religion)

    Warum schreibe ich das nach dem Lesen Deines Artikels?
    Natur- wir sind von ihr umgeben und umschlungen. Unfähig, aus ihr herauszutreten und unfähig, tiefer in sie einzudringen. (Goethe) Ergo, du hast recht, wir brauchen die Sündenböcke zum Leben. Heute so, gestern so.

    Viele liebe Grüße von Helga M.

  2. Danke für die ausgiebige Ergänzung. Über Zusammenhänge zwischen Herdenimpulsen und den beschriebenen Ritualen wäre noch viel zu sagen …


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