Verfasst von: publizist | 15. September 2010

Anfang mit Siebenschläfer


Der neue Roman will geschrieben sein. Er will ankommen im Hier und Heute, er wird sich vier Jahrzehnte Erfahrenes einverleiben, weil Träume niemals altern und weil sie die Energie der Erfahrung aufzehren müssen. Glauben mag das wer will –  hier ein Pröbchen.

Bilch am Regal

Bilche sind die hübscheren Nager

Ein silberner Ballon hängt im Blassblau, Sticker am Seidenshirt des  Sommertages, der sich bald zum Rekordsommertag heißlaufen wird. Gustav  Horbel träumt sich hinauf in den Korb, wo es noch kühl sein muss morgens  um 7. Er sähe von dort die Rheinebene vorm Schwarzwald, die Autobahn  nach Basel, den Strom, die Türkise neben Kieswerken; Türkise im Kiesel.  Er kieste die Tür, er kürte den Diesel, hatte den öffentlichen Diesel  erkoren für den Weg zum Bahnhof der Bäderstadt, die Liebste durfte  weiterschlafen, „musst nicht aufstehen, hab kaum Gepäck, träum noch ’n  bisschen“, ein Küsschen, trauliches Ritual, entzückende Schläfrigkeit,  die sich räkelt in der Wärme am noch kühlen Morgen, dem heiß der Julitag  folgen wird, den Siebenschläferrekord zu brechen: Sonne, sieben Wochen  lang, und eine Rekordpopulation an Siebenschläfern dazu – allerdings nur  in Osnabrück, so war im Internet zu lesen, nirgendwo sonst. In  Osnabrück tauchten Tausende der wegen ihrer Seltenheit geschützten  Bilche auf im Rekordsommer, zeigten ungeniert die buschigen Schwänze,  spukten auf Dachböden, erschreckten eine um Haus und Garten besorgte  Alte, die nix weiter getan hatte, als ihre Rosen mit Bananen zu düngen.

„Na“, sprach missingsch der Mann vom Veterinäramt im Webvideo, „kein  Wunder, dass das die Bilche anzieht, die sind verrückt nach Bananen“,  und zeigte einen im Gitterkäfig gefangenen vor, er werde ihn nun  aussetzen im Wald, 20 Kilometer entfernt. Das Video zeigte, wie ein gar  nicht schläfriger Siebenschläfer den Stamm einer Buche umrundete, noch  einmal den Arm des Fängers aufsuchte, vielleicht eine Abschiedsbanane  erheischend. Gustav erinnerte sich, wie die Kraft der Bananen 20 Jahre  zuvor geholfen hatte, ein Staatswesen einstürzen zu lassen, stete Banane  höhlt den Sozialismus, wie ein Mann namens Krause die Zukunft von  Ananas und Bananen für alle beschworen und einen Vertrag unterzeichnet  hatte, der den Preis der Dosenananas zum Argument einer gesamtdeutschen  Staatsgründung erhob. Der Mann war wenig später aus der Politik  verschwunden, billige Bananen und Ananas aber waren geblieben, so  billig, dass in Osnabrück, wohl auch in Wittenberg Beete damit gedüngt  werden konnten, den Bilchen zur Freude.

Gustav, wie stets um störende Einwände nicht verlegen, sah in der  Tatsache, dass wieder eine Spezies die Scheu vorm Menschen abgelegt, als  dessen putziger Kostgänger das Über-Leben in der Stadt dem Er-Leben von  Freiheit in der Wildnis vorgezogen hatte, nur eine verschobene  Gefährdung der Dickschwänze: „Fürsorge schafft Bedürftigkeit“, dachte  er, und dass nun die Bilche, natürlicher Fertigkeiten zum Nahrungserwerb  entwöhnt, Zivilisationskrankheiten erliegen würden, ihnen künftighin  Fettleibigkeit statt Füchsen – das Video hatte wirklich fette Bilche  gezeigt! – infektiöse Katzenflöhe statt Uhus den Garaus machten. Die  Siebenschläfer hatten die sichere Versorgung der Freiheit vorgezogen; ob  das Aussterben der bedrohten Tierart dadurch beschleunigt wurde, war  eine interessante Frage.

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