Die Lust am Quälen und die Widerstandskraft der Banane gegen die Frage “Warum”

Dies ist eine Leseprobe zur Neufassung von “Der menschliche Kosmos” – Kapitel 1.

Emscher in Recklinghausen

Die Emscher bei Recklinghausen  im Januar 2005 (Foto: Stahlkocher in der Wikimedia CC 3.0)

Beginnen wir die Entdeckungsreise in Nachbars Garten an der „Köttelbecke„, also einem der offenen Abwasserkanäle des Emschersystems im Ruhrgebiet. Die kleinen Gärten hinterm Reihenhaus sind in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts so typisch wie die im Sommer oft übel riechenden Betonrinnen für Abwässer quer durch die Siedlung; sie können wegen der vom Bergbau verursachten Erdbewegungen nicht unterirdisch verlegt werden. Unsere Nachbarn, ein Ehepaar von etwa sechzig Jahren, sind trotzdem fast immer in ihrem Gärtchen. Sie haben sich sogar einen kleinen runden Pavillon mit grünen Fensterscheiben gebaut, obwohl es vom Liegestuhl nur ein paar Schritte ins Haus sind. Wir wunderten uns anfangs, wieso jemand sich in einem Gartenhaus grüne Gardinen vor die Fenster hängt, bis wir bemerkten, dass es weiße Stores hinter grünen Scheiben waren, die uns befremdeten. Ebenso befremdlich erschien uns, dass im Pavillon, den aufzubauen einiges Geld und gute zwei Wochenenden handwerklicher Arbeit gekostet hatte, offensichtlich nur Gartenmöbel untergestellt wurden. Auch dieses Rätsel löste sich: der Pavillon beherbergt etwas viel Kostbareres. Dort steht – in Reichweite, nicht etwa in der einige Gehminuten entfernten Küche – der Kühlschrank, und im Kühlschrank ist das Bier.
Es ist für unsere Nachbarn so wichtig, das Bier in der Nähe zu haben, weil sie sich fast immer streiten. Sie reden ausdauernd aufeinander ein und die wellenförmig aufbrandenden Gespräche gipfeln in beleidigenden Worten. Ein solcher Zyklus der Aufregung läuft aber nicht synchron mit dem Leeren einer Bierflasche ab. Wir haben noch nicht herausgefunden, wer von beiden mehr und schneller trinkt, aber einerlei: es käme anscheinend einem Koitus Interruptus gleich, wenn eine besonders heftige Attacke wegen einer leeren Flasche, eines dann also erforderlichen Ganges in die Küche unterbrochen werden müsste. Tatsächlich ist der Kühlschrank im Pavillon mit den grünen Fensterscheiben Teil eines ebenso detailliert wie unbewusst inszenierten und mit nicht nachlassender Energie aufgeführten Dramas.
Die beiden quälen einander mit Hingabe, sie genießen Bier und Beschimpfungen gleichermaßen (die Texte variieren nur wenig), sie haben an Schwung und Emotionalität nie eingebüßt. Es ist sinnlos, Gründe für das Gezänk finden zu wollen. Nicht einmal Anlässe lassen sich erkennen – außer dass die Sonne scheint und Bier im Kühlschrank ist.
Wenn wir den zu uns über den Zaun herüber wehenden Sprachfetzen vertrauen können, währt ihre Beziehung trotz dauernder Konflikte an der Grenze zur Gewalttätigkeit schon 40 Jahre. Wir beginnen zu verstehen, dass Mann und Frau nicht um Gründe von Ärgernissen streiten, die auszuräumen wären. Sie streiten schon gar nicht um Veränderungen ihrer Umgangsformen miteinander. Bei all der wiederkehrenden Aufregung, all dem Reden und Gestikulieren, während sie sich gegenseitig aufreizen und ankeifen, geht es im Gegenteil darum, dass sich NICHTS verändern soll, sondern dass jeder immer wieder aufs Neue seine Rolle, seine Wahrnehmung von sich selbst gegen den anderen verteidigt. Es handelt sich um eine Dynamik, deren Ziel das Gleichgewicht ist. Und genau deshalb, wegen dieser zum Ritual gewordenen Dynamik, unterscheiden sich die Konflikte unserer Nachbarn nicht von den Konflikten zwischen Parteien, Völkerstämmen, Nationen, religiösen Gemeinschaften. Dort allerdings kann ein Gewaltausbruch Schlimmeres bewirken als ein blaues Auge und ein paar zerschlagene Bierflaschen.

Ein Leben als Angestellter schützt nicht gegen solche Konflikte. Aber sicher ist sicher – oder? Das Kapitel 2 „Die Erfindung des Angestellten“ denkt darüber nach.

Kein Happy End für Pretty Woman

Herzogin oder nur Mätresse? – Eine tödliche Alternative

Verlässliche Quellen über die Herkunft von Agnes Bernauer gibt es nicht, sehr wahrscheinlich gelang ihr der Sprung aus einem Augsburger Badehaus ins Bett des zukünftigen Herzogs Albrecht III. von Bayern. Vielleicht stimmt es sogar, dass sie von dem verliebten Adligen geehelicht wurde. Ganz sicher aber war diese Liaison Albrechts Vater, dem Herzog Ernst von Bayern, ein ebensolches Ärgernis wie dem ganzen Hof, und ebenso sicher fanden sich genügend Komplizen für einen brutalen Mord aus Staatsräson: Am 12. Oktober 1435 wurde Agnes Bernauer in Straubing von einem Folterknecht ertränkt.
Mein „Zeitwort“ auf SWR 2 weist auf diese Geschichte, ihr literarisches Echo und Carl Orffs Oper „Die Bernauerin“ hin.

Aktualisierung am 17. Juli 2020: Für alle, die’s im Radio verpasst haben, hier der Text:

Musik: Ausschnitt aus Carl Orff „Die Bernauerin“

So gefühlvoll singt Albrecht der III., Sohn der bayerischen Herzogs, dass seine Liebste zu träumen meint …

Agnes: „Tua mi net aufweck’n“

Nicht aufgeweckt werden möchte Agnes Bernauer, Tochter eines Augsburger Baders aus dem Liebestraum, der in der Badstube begann. Dort war sie dem Thronfolger zu Diensten – ein besserer Hurenjob. Albrecht III. aber verliebte sich in das schöne Kind und nahm es direkt mit an den Hof nach München. Carl Orff komponierte 500 Jahre danach seine Oper „Die Bernauerin“.

Sichere Quellen über Geburt und Herkunft der Schönen gibt es nicht, allein dass „die Pernawin“ 1428 zum Hofstaat gehörte, ist durch eine Steuerliste belegt. Sich Konkubinen zu halten war auch beim Bayerischen Hochadel nichts Besonderes, manche Mätresse brachte es zu politischem Einfluss. An Agnes Bernauer ist ungewöhnlich, dass Albrecht III. das Mädchen sogar ehelichte oder zumindest die Ehe versprach.

Die Liaison erregte nicht nur den Zorn von Albrechts Vater, Herzog Ernst, sondern auch den seiner Schwester, Beatrix, Pfalzgräfin von Neumarkt. Dass sich Albrecht weigerte, standesgemäß zu heiraten, stattdessen lieber mit einer Buhle zusammenlebte, die sich obendrein selbstbewusst wie eine Fürstengattin gab, beschäftigte wohl ganz München; eine Bürgersfrau, die „Aicherin“, wurde wegen einer Unterschriftensammlung – ob für oder gegen die Bernauerin ist nicht bekannt – für zwölf Tage eingesperrt.

Dutzende Historiker und Schriftsteller hat das Schicksal der unglücklichen Schönen bis heute umgetrieben. Soviel ist sicher: Herzog Ernst ließ sie in Abwesenheit seines Sohnes verhaften, verurteilen und töten – ohne aktenkundige Gerichtsverhandlung. Ein Folterknecht warf sie in Straubing in die Donau, drückte sie mit einer Stange so lange unter Wasser, bis sie ertrank.

Carl Orff hat das schaurige Geschehen in seiner Oper „Die Bernauerin“ von Gaffern kommentieren lassen:

Sprechgesang: „Jetzt druckt er auf d‘ Stangen … jetzt kommt’s nimmer hoch.“

Der Auftragsmord brachte Albrecht so gegen den Vater auf, dass er sich für einige Monate dem verfeindeten Herzog Ludwig VII. von Ingolstadt anschloss. Ob das Gewissen oder die Sorge um die Erbfolge den alten Herzog trieben, für Agnes Bernauer 1436 eine eigene Kapelle auf dem Straubinger Friedhof St. Peter einrichten zu lassen, weiß niemand – Albrecht III. söhnte sich mit dem Vater jedenfalls aus, heiratete im November 1436 standesgemäß und ist für die Literatur eigentlich nur als Geliebter der Bernauerin von Interesse.

Schon Anfang des 19. Jahrhunderts pilgerten Touristen zur Kapelle in Straubing – böse Zungen nennen sie den einzigen Grund für einen Besuch dieser Stadt. Allerlei Gerüchte und Legenden kamen in Umlauf, König Ludwig I. widmete Agnes ein Gedicht, Friedrich Hebbel schuf 1852 mit seinem Drama „Agnes Bernauer“ einen Höhepunkt zahlloser literarischer Arbeiten zum Thema.

Auch im 20. Jahrhundert beschäftigten sich Historiker, Dramatiker, Erzähler mit der Tragödie; Carl Orffs Oper „Die Bernauerin“ aus dem Jahr 1947 ragt zweifellos heraus, aber sie ist schwer aufzuführen, daher greifen die alle vier Jahre ausgerichteten Festspiele in Straubing und Vohburg auf laientaugliche Bühnenstücke zurück. Neue Versionen und Abwandlungen sind gewiss, denn diesem Stoff ergeht es wie allen Aschenputtel-Geschichten: er ist „einfach nicht totzukriegen“ – im Gegensatz zu seiner Heldin.

Biedermeier

“Franzosen und Russen gehört das Land

das Meer gehört den Briten

Wir Deutschen besitzen im Luftreich des Traums

die Herrschaft unbestritten.”

(Heinrich Heine)

August_von_Kotzebue

Auf diesem Bild ist nicht Heinrich Heine zu sehen, sondern ein anderer Dichter. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war er der bedeutendste Theaterautor, der meistgespielte, und das heißt nicht nur auf deutschen Bühnen, sondern in zahllosen Familien- und Amateuraufführungen. Das Medium Theater hatte noch keine Konkurrenz von Film und Fernsehen.

August von Kotzebue – das weiß noch jeder mit vollendeter Halbbildung – starb bei einem Attentat. Er galt vielen als Spion des russischen Zaren und Feind des neudeutschen Patriotismus. Er war keiner. Er war eher ein Anhänger des häuslichen Friedens und der moralimprägnierten Harmonie zwischen allen Völkern und Rassen.

Dem Attentäter war’s egal, er war jung, er sah sich im Besitz des höheren moralischen Auftrags, er war bewaffnet.

Man könnte sich in etwa vorstellen, dass Richard Gere von einem Al Qaida-Helden weggesprengt würde. Als Rache für Osama Bin Laden.

Seltsamerweise käme heute wie damals heraus, dass das Ergebnis für die vom Attentäter vertretene politische Richtung so nützlich ist, wie für den Fortschritt der Demokratie und Kultur insgesamt: verschärfte Sicherheitsgesetze, Generalverdacht gegen jede fremde Herkunft bzw. abweichende Meinung bei noch mehr Leuten; liberale und kritische Geister erfreuen sich des Misstrauens der Masse wie der Obrigkeit und der deutsche Michel richtet sich auf Jahrzehnte – just so wie im Biedermeier – in seiner Spießeridylle ein, von wo aus er dem Rest der Welt genauestens erklärt, dass freilich der Mord am Filmstar ein Ärgernis sei, der Ermordete aber durch sein buddhistisches Bekenntnis der Tat Vorschub geleistet habe. Der Islam sei einmal kriegerisch, die Amerikaner allgemein unbeliebt, nun möge man es gut sein lassen, künftig still und eingezogen leben, wie’s deutsche Art ist.

Die Ablehnung neuer Technologien war seinerzeit ebenso verbreitet wie heute bei einem großen Teil der Bevölkerung. Man muss leider sagen, dass geldgierige Unternehmer sich darum nicht scherten. Vor allem im Ausland nicht, das steckte einige vaterlandslose Gesellen an. Viele Juden übrigens. Die Deutschen fanden das umoralisch, führten einige Kriege, um die Welt an der deutschen Moral genesen zu lassen – anscheinend stecken ihnen die Niederlagen in den Knochen. Die Aufgaben werden nicht kleiner: die Chinesen müssen von ihrer Kernkraft abgebracht, die Amerikaner sowieso geläutert werden.

Vorwärts zur Sonne, zur Freiheit: von fossilen Energieträgern, AKW und amerikanischem Imperialismus! Klar! Aber wozu die moralisch sauberen Deutschen die Welt befreien wollen – zu welcher Art des Zusammenlebens – davor ist mir ziemlich unheimlich.

Wer hat Angst vor Liz Taylor?

"Who's Afraid fo Virginia Woolf?". 1966

Image aus "Who's Afraid fo Virginia Woolf?" 1966 by thefoxling via Flickr

Foto aus dem Jahr 1981 von Alan Light bei Wikipedia

Foto aus dem Jahr 1981 von Alan Light bei Wikipedia

Sie war ein Star, sie erfüllte alle Wünsche ihres Publikums, einschließlich derer nach privaten Skandalen und Tragödien. Ich gestehe offen, dass mich Elizabeth Taylor nicht anzog, schon deshalb, weil sie ihre Egozentrik, ihre Divenhaftigkeit vor sich hertrug wie kaum eine andere Schauspielerin. Das spricht gegen meine Kompetenzen als Regisseur: einer wie Liz Taylor muss man gewachsen sein. Um so mehr bewunderte und bewundere ich, was in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ dank Liz Taylor und ihrem Mehrfach-Ehemann Richard Burton filmisch aus Edward Albees Ehedrama wurde: ein Exempel für Konfliktmuster nicht nur in Ehen.
Es war insofern kein Zufall, dass sich schon im ersten Kapitel zu „Der menschliche Kosmos“ ein Hinweis auf Theaterstück und Film findet.
Liz Taylors Leben ist eine Wanderung durch strahlende Landschaften und schmutzigstes Elend. Sie ließ uns das spüren, wenn sie spielte. So ist sie unsterblich geworden.

Der neue kommt …

Generationenroman

Im Herbst kommt die Fortsetzung – deshalb erlaube ich mir, noch einmal auf den Roman “Blick vom Turm” hinzuweisen, der 2008 im Salier Verlag Leipzig erschienen ist.


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Der Roman kam nicht von Ungefähr zwanzig Jahre nach der Endzeit der DDR, im selben Jahr wie Tellkamps “Turm” – er spielt in Tellkamps Geburtsjahr 1968 und sein Held Gustav Horbel ist – wie Tellkamps Hauptfigur – ein Abiturient. Es sind Generationenabstände. Die Familiengeschichten allerdings reichen sehr viel weiter zurück: bis in die 30er Jahre des 19.Jahrhunderts in einer Kleinstadt in Thüringen.
Auf den ersten Blick ist das ein Ort, für den sich niemand interessieren muss – tiefste Provinz. Gustav Horbel aber erlebt, wie diese kleine Welt mit der Kulturrevolution in China zusammenhängt, mit der ersten Liebe seiner Ur-Urgroßmutter und dem Untergang der Selbständigen in der DDR. Aus Gustavs Heimat kommen nicht nur entscheidende Ideen für eine Waffe, die bis heute mehr Menschen umgebracht hat, als alle Atombomben – die “Kalaschnikow”-, sondern dort wachsen 1968 Filmstars heran, Wissenschaftler, Weltreisende, aber auch kleine Leute, die zwanzig Jahre danach über sich selbst hinauswachsen, die ein vermeintlich unerschütterliches, perfekt gesichertes politisches System zum Einsturz bringen werden.
Der Turm, von dem das Buch erzählt, ist nur noch Ruine. Die Ideen, Erlebnisse, Erfahrungen der Menschen um ihn herum – sie leuchten.

Im Herbst 2010 wird bei Salier “Babels Berg” verlegt; der Roman schließt mit dem Jahr 1969 an.
Alles ist möglich: Menschen landen auf dem Mond, zwischen West- und Ostberlin kann man wieder telefonieren, ein Diskus fliegt kilometerweit, ein Deutscher bekommt den Friedensnobelpreis, in Gustavs Thüringer Heimatstadt gibt es das europaweit beste Japan-Restaurant: Anfang der 70er Jahre sprechen viele Zeichen für Aufbruch, Fortschritt – und unbegrenztes Vergnügen bei erotischen Abenteuern jenseits der Familienplanung.
Gustav Horbel ist in der Hauptstadt Berlin gelandet, um Physik zu studieren, denn er ist sehr neugierig darauf, was die Welt im Innersten zusammenhält. In Berlins Straßen, in Bars und Theatern, im Thüringer Wald und in den Reichsbahnzügen dazwischen lernt er dann viel mehr darüber als in Labors und Hörsälen. Während er mit Prüfungen an der Universität wenig Scherereien hat, macht er in den Prüfungen des Lebens keine besonders gute Figur, er will einfach zu hoch hinaus. Ob das am Geist dieser 70er Jahre liegt, in denen alles möglich scheint?
Zwischen Traum, Wahn und Wirklichkeit stolpert Gustav durch eine bewegte Zeit. Gott sei Dank nimmt ihn immer wieder jemand bei der Hand, manchmal ein berühmter Mann, manchmal die schönste Frau der Welt.

Frühling reist

Mozarts Auftritt im Kalender

Mozarts Auftritt im Kalender

Die Räder rollen durchs glückliche Land
der rostenden Wünsche, es schnattert das Jungvolk
Eingeflimmert aufs Mittelmaß,
duftend nach Fritten und Plastikfraß.
Gesichter voll Eisen, Chemie in den Haaren
Sehn sie nicht wo, verstehn nicht, wohin sie fahren.

Draußen geschieht das verlässliche Wunder
Das sich doch niemals planen lässt
Aus Landschaften werden Züge des Glücks
Triumphprozessionen verliebter Vögel.
Textilgeschäfte verhökern den Rest
Nächstens geht die Weltwirtschaft unter.

Altersrenditen verfallen im Takt
Der murmelnden Kugeln in den Rouletts
Der schwingenden Kurse auf den Parketts
Alle Tresore werden geknackt.

Derweil erblühn die unsterblichen Formen
Aus sterblichstem Stoff in den Farben der Träume.
Ich zähle die Tage als letzte Momente
Dass vom fliegenden Blau ich nur nichts versäume.
Keine Blüte sei ungeküsst
vom Blick, der auf Unendlich gerichtet ist.

Ramona Raffzahn

Im „Banalama“ fehlt noch der Song der beiden „Bundis“. Ich will nicht sagen, dass er schön ist. Aber er verbindet die Sextouristen unserer Welt womöglich ebenso stark, wie die Bonzen des weltweiten Leistungssport-Kartells. Es wird vermutlich als bedeutendstes System der Korruption und des Drogenhandels neben einschlägigen Mafia-Organisationen in die Geschichte eingehen.

Ramona Raffzahn …

… macht heute wieder die Beine breit
fürn Fuffi West, da ist alles drin in der Möse.
Die Konkurrenz aus den Billiglohnländern ist eben wirkungsvoll
Ein Westpuff ist viel zu teuer und Loch ist Loch.
Geschäft ist Geschäft
Das wär ja gelacht.
Wir lassen uns doch das
Freie Unternehmertum nicht ganz aus der Hand nehmen.
Mein Herz gehört meinem Staat
(das geb ich ihm schriftlich)
aber der wirtschaftet schließlich auch
mit Geld
und die Klamotten sind teuer.
Ramona Raffzahn
macht heute wieder alles möglich für die Kunden.
Fürn Fuffi West kommt auch die beste Freundin mit.
Schlaffi sagt danke. O heiliger Kommerz.
Die DDR hat vierundachtzig
Ihr erfolgreichstes Wirtschaftsjahr.
Die Freundin wartet sonst
Aufs Glück per Annonce.
Heute lassen wir noch mal die Katze aus dem Sack
Café Nord.
Geschäft ist Geschäft
Das wär ja gelacht.
Wir lassen uns doch
Das kann mir keiner
Und alle können mich mal.
Mein Herz gehört meinem Staat
(das geb ich ihm schriftlich)
und seit ich schreiben kann, oft.
er braucht das einfach und manch einer
bekommt so was sogar bezahlt.

Ramona wurde übrigens nach der Heirat mit einem bedeutenden Würdenträger auch Hauptfigur in einem
OLYMPIADRAMA: „Das Bündnis“.

Banalama (Ostberlin 1985)

12
Frau Warum bist du nicht gestorben. Warum bist du wieder hier. Ich will leben, ich will
auch an mich denken. Ich will nicht hier herumhocken und Windeln waschen, ich
bin jung. Geh zu deinem Vater, zu deinem feinen Papa, da kannst du dich breit
machen, scheiß ihm auf seine Autopolster, aber lass mich leben.
Kind 2 Papa, Papa.
13
Frau, Fürsorgerin
Frau Ich gebe sie nicht in ein Heim.
Fürsorgerin Aber es wäre das Beste. Ihr Vater sagt, Sie kümmern sich zu wenig. Der Junge
hatte Untergewicht. Sie arbeiten auch unregelmäßig.
Frau Die Kinder sind oft krank.
Fürsorgerin Und Sie gehen nachts aus.
Frau Den Kindern fehlt nichts.
Fürsorgerin Nein? Die Nachbarn haben Ihren Vater holen müssen, als Ihr Sohn schwer krank
war. Lungenentzündung. Das Kind schwerkrank, und die Mutter geht nachts aus.
Frau Es kommt nicht wieder vor.
Fürsorgerin Es geht so nicht weiter. Ihr Betrieb beklagt sich. Sie fehlen zu oft.
Frau Die Arbeit strengt mich zu sehr an. Und der Haushalt.
Fürsorgerin Nicht sehr ordentlich bei Ihnen.
Frau Den Kindern fehlt nichts.
Fürsorgerin Sie sind doch noch jung. Warum suchen Sie sich nicht wenigstens einen Freund,
jemanden, der für Ordnung sorgt.
Frau Die Scheißkerle wollen alle nur eines. Wenn sie haben, was sie wollen, hauen sie
ab. Wer will schon eine Frau mit Kind. Mit zwei Kindern.
Fürsorgerin Wenn Sie kein geordnetes Leben führen wollen, müssen wir die Kinder ins Heim
einweisen. Sie haben doch ein ordentliches Elternhaus. Warum verstehen Sie sich
nicht mit Ihren Eltern.
Frau Scheiße.
Fürsorgerin Wenn Sie nicht verstehen wollen, müssen wir die Kinder ins Heim einweisen.
Frau Nicht ins Heim. Ich gebe sie nicht in ein Heim.
14
wie 1 und 2 usw. usf.
15
Richter (verliest die Urteilsbegründung für die Frau — lebenslänglich wegen Mordes am 2. Kind)
Ende

Banalama (Ostberlin 1985)

11
Vater der Frau, Frau, Sandra
Vater Wo warst du?
Frau Wieso? Wieso bist du hier?
Vater Ich musste den Jungen ins Krankenhaus bringen. Wo kommst du her jetzt?
Frau Wieso, was ist mit dem Jungen?
Vater Ich will wissen, wo du herkommst!
Frau Wo ist das Kind?
Kind Mama.
Frau Nicht du. Wo ist Jonas?
Vater Wenn d nicht redest, siehst du den Jungen nicht wieder. Ich sorge dafür, dass er in
ein Heim kommt. Die Fürsorge weiß schon Bescheid. Also: Wo hast du dich
herumgetrieben?
Frau Lass mich in Ruhe. Sandra, wo ist dein Brüderchen?
Vater Du elende Hu… mit Ausländern treibst du dich rum! Willst du endlich reden!
Rede, sag ich dir, los, rede! (schlägt sie)
Frau (schreit)
Kind (schreit)
Vater Das will meine Tochter sein. Abschaum. Aber dir zeigen wir es. Dich werden wir
noch erziehen. Wir sind schon mit anderen fertig geworden.
Frau Bullenschwein. Scheißstasi. Kommunistensau. Wo ist mein Kind, du Nazi.
Vater Das wird dir noch leid tun.

Banalama (Ostberlin 1985)

9
Blonde, Frau, einige Zeit nach der Geburt des zweiten Kindes
Blonde Kommst du mit?
Frau Der Kleine ist krank.
Blonde Kann die Große nicht aufpassen?
Frau Sie ist zu klein. Erst drei.
Blonde Die beiden Bundis kommen heute wieder.
Frau Es geht nicht. Er hat Fieber. Vielleicht nächste Woche.
Blonde Mist. Dann muss ich allein gehen.
Frau Vielleicht kann ich nächste Woche wieder.
Blonde Der Kleine ist oft krank.
Frau Ich hätte mir von dem Schwein nicht noch ein Kind machen lassen sollen. Die
Große kann ich allein lassen.
Blonde Schließlich hast du ein Recht auf dein eigenes Leben. Also ich geh dann.
Frau Warte noch. Ich komme mit.
10
Zwei Bundis singen das Lied von Ramona Raffzahn