Entzweites Erzählen

Fühlst du dich, fühl ich mich nicht

Vergänglich: Blüten und Blütenträume

Deine Fabel ist vollkommen. Sie muss es sein, sonst rettet sie nicht dein Leben.
Oder was davon? Wer bedrohte es? Dein Leben – oder welchen Teil davon? Den Körper? War da ein Vergewaltiger, der ihn sich unterwerfen wollte, Gewalt – Macht – Lust? Die Seele? Wer?

Der Teufel will Seelen, drum schürt er die Angst: „Angst essen Seele auf“. Das ist ein Film von vielen, die du gesehen hast: Beängstigende Filme, komische Filme, zum Schreien komische. Haben Filme deine Seele aufgegessen? Bewegte Bilder in einer Welt, die in den Bildern verschwindet? Die Welt wird vollkommen digital. Du kannst dir jede vollkommene Fabel abzweigen, die dich sichert gegen die Angst des nicht Ausrechenbaren. Du kannst dir ein perfektes digitales Du für die Liebe abzweigen – nur kein lebendiges Du.

Wir wollen nicht mehr reden, da alles Missverständnis ist, die Worte an Bildern kleben, Figuren, Popanzen, Ängsten. Sobald wir erzählen, entzweien wir uns, weil jeder seine Fabel hat, lebensrettend und also vollkommen, und vollkommen unvereinbar mit der Fabel des anderen. Wir können ja nicht eins sein, nicht einmal, wenn unsere Körper ineinander fließen und alle Lust Ewigkeit will, tiefe, tiefe Ewigkeit.

Weh spricht vergeh’

Es muss einer schuld am Schmerz sein, damit die Seele ihm gewachsen ist. So wachsen ja Seelen auf: Immer ist einer da, der schuld ist. Es darf nicht keiner da sein, der schuld ist, sonst ist die Fabel nicht vollkommen. Es fehlt der Grund,  die Ur-Sache. Ich bin schuld an deinem Schmerz. Ich bin die Ur-Sache deiner Fabel. Nur so wird sie perfekt. Und nur so wird sie vollkommen unvereinbar mit meiner Fabel. Denn meine Fabel kennt keine Schuld. Jedenfalls nicht meine.
Wenn sich Literatur vom Elend der erwartbaren Fabeln löst, nicht mehr Sieger und Verlierer, nicht mehr Täter und Opfer kennt, nicht mehr Gut und Böse, nur Irrende und Unvollkommene, wenn sie der Falle der Dichotomie entkommt, könnte sie heilen.

(Veröffentlicht im Weblog „Narbenpuppe“ zum gleichnamigen Romanprojekt)

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Die größte Ermutigung: Ein Leben

Reich-RanickiMarcel Reich-Ranicki hat uns etwas unendlich Kostbares hinterlassen. Es heißt "Mein Leben". Es wiegt alle Milliarden aller Finanzmärkte dieser Welt auf – sie sind dagegen nur verbranntes Papiergeld. Der gleichnamige Film ist ein Juwel in den Müllhalden des deutschen Fernsehens. Er kann keinen Oskar bekommen – das wäre zu wenig. Ein einziger Dialogfetzen darin erklärt den Totalitarismus: "Warum tun sie das?" "Weil sie es können."

Heute war der Film aus dem Jahr 2009 – als Wiederholung und Nachruf anlässlich des Todes dieses Großen  in der ARD zu sehen. Ich würde gern jedem einzelnen Beteiligten sagen, wie dankbar ich für diesen Film bin: ein wunderbares, ermutigendes Zeugnis dafür, wie unentbehrlich Kultur in allen Konflikten der Zukunft sein wird – und wie sie dem Prinzip von Gewalt-Macht-Lust Grenzen setzt.

Ich habe die Autobiographie von Marcel Reich-Ranicki im Jahr 2000 auf dem Flug nach Bali gelesen – es war eine Wegscheide meines Lebens. Ich wurde 50, ich begann mit der Arbeit an “Babels Berg”. Bei all  meinen literarischen Bemühungen war dieser Kritiker eine der Stimmen, die hartnäckig nach der Qualität meiner Texte fragten und mich ermutigten.

Schade, dass ich mich mit ihm nicht anlegen durfte: Das wäre ein zu großes Geschenk gewesen. Aber wann immer, wo immer und mit wem immer ich über Literatur reden werde: Er wird dabei sein.

Wie Wolken weiter ziehen

2012-11-08 15.57.22

Mit dem “Raketenschirm” ist die Romantrilogie “Wolkenzüge” abgeschlossen – aber der Stoff deutsch-deutscher Konflikterfahrung vor und nach dem Fall der Mauer längst nicht ausgeschöpft. Außer den Romanen “Blick vom Turm”, “Babels Berg” und “Raketenschirm” sind Theaterstücke, Erzählungen, Gedichte, Essays, Radiofeatures und Tagebücher entstanden: allesamt keine Texte zur “Vergangenheitsbewältigung”, sondern vergnügliche, widerspenstige, überraschende Versuche, sich auf die Welt von heute und morgen einzulassen – und zwar gemeinsam mit allen, die ihre Wünsche, Träume, Ängste, Erfahrungen mit denen des Autors vergleichen wollen.

Dafür eignet sich ein Weblog, wo Postings und Kommentare den direkten Dialog ermöglichen. Seien Sie willkommen, zögern Sie nicht, Ihre Meinungen, Ideen, Vorschläge hier einzubringen.

Gustav Horbel und das Überschreiten von Grenzen

Teil 1 der Weblesung zu “Babels Berg”

Im November 1969 macht der Physikstudent Gustav Horbel seltsame Beobachtungen auf einer Fahrt mit der S-Bahn zwischen Berlin-Lichtenberg und Alexanderplatz. Er beginnt, über die Absichten hinter Landkarten nachzudenken.

Wenn sie Lust auf mehr haben – hier kommt die Fortsetzung:

Teil 2 der Weblesung zu “Babels Berg”

Falls Sie interessiert wie’s einem Währungsspekulanten in Ostberlin gehen konnte, dann sehen Sie sich Teil 3 an.

Heimatabend zwischen Thüringer und Schwarzwald

Zwei Abende – zwei gegensätzliche Erfahrungen: Beim Literaturabend “40 Jahre deutsch-deutsche Geschichte im Roman” im Heimatmuseum Gaggenau-Michelbach am 18.11. war’s voll, es wurde ein Abend mit gespannt und aufmerksam lauschenden, interessiert fragenden Zuhörern; zum “Loffenauer Bücherfest” am 19.11. dagegen kam – niemand.

Die engagierte junge Frau, auf deren Einladung hin wir “Leben Lesen” zum ersten Mal außerhalb von Baden-Baden veranstaltet haben, war ratlos, aber ich musste zugeben, dass wir den Titel ungeschickt gewählt hatten. Es sollte bei der literarischen Jamsession ja eigentlich nicht um Helden von einst, sondern um die Helden von heute gehen – und erst in zweiter Linie um Romantik.

Hat Herr von Guttenberg das Zeug zum Helden? Brauchen wir überhaupt irgendwelche Kraftkerle? Brauchen wir nicht vielmehr Persönlichkeiten, die ohne das Pathos von Weltveränderern zur richtigen Zeit das Richtige tun – z.B. ein Flugzeug auf dem Hudson notwassern oder Schlägern Einhalt gebieten?

Bürgersinn und Zivilcourage statt hehrer Ideale und lautstarker Transparente: das wäre ein Thema gewesen – oder?

Liebe Freundinnen, Miterzähler und Zuhörer von “Leben Lesen”: lassen Sie uns wissen, ob Sie das auch so sehen, oder was Sie stattdessen interessant genug fürs nächste Treffen von “Leben Lesen” finden.

Illegal statt Wohnregal

Helden und Heldinnen des “Raketenschirms” leben in Plattenbauten in Thüringen, in Luxusvillen zwischen Tel Aviv und Baden-Baden, in Kasernen der Nationalen Volksarmee direkt neben deren Raketenbasen, in einstürzenden Altbauten im Prenzlauer Berg, Ostberlin. Der  Raketenschirm trägt den Autor durch die Zeiten, sein Treibstoff sind Erinnerung und Phantasie. Immer wieder einmal braucht er eine Zwischenlandung zum Auftanken: ein guter Ort dafür ist Udo Grashoffs Buch übers Schwarzwohnen in der DDR. Ich empfehle es, nicht nur weil’s den Recherchetank gefüllt hat.

Schwarzwohnen“Ruinen schaffen ohne Waffen” war die sarkastische Verballhornung einer seit 1978 von der Friedensbewegung in Ost und West gebrauchten Losung. Sie stellte die heuchlerische Friedenspose des SED-Staats ebenso bloß wie dessen Wohnungsbauprogramm, das Regale aus Beton in gesichtslose Vororte klotzte, während historische Innenstädte verrotteten – eines der Indizien für den unabwendbaren wirtschaftlichen und politischen Bankrott des realen Sozialismus.

Eine schöne Ironie liegt darin, dass ausgerechnet in den abrissreifen Buden von Erfurt, Jena, Leipzig, Halle, Berlin und Rostock die Keime des Neuen heranreiften: Zu selbständigem Handeln entschlossene Leute unterschiedlicher Herkunft und Altersstufen sagten dem System der organisierten Verantwortungslosigkeit den Kampf an und zogen ein in den “Leerstand”, “schwarz”, also ohne die vorgeschriebene Zuweisung durchs Wohnungsamt. Anders als bei den fast gleichzeitig im Westen stattfindenden Hausbesetzungen verbanden sie damit nur ausnahmsweise politische Absichten, nicht selten genügte aber derart ungeplantes, eigenmächtiges Vorgehen, die “Organe”, einschließlich Polizei und Stasi auf den Plan zu rufen, es wurde spätestens dann politisch, wenn unangepasste Kunstaktionen, Punkertreffen oder Zusammenkünfte von Umwelt- und Friedensgruppen in den jenseits der Planwirtschaft ausgebauten Unterkünften stattfanden.

Eine Ironie ist das insofern, als Marx meinte “neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind.” Nun entwickelte sich unter den “Schwarzwohnern” im Schoß des vermeintlich dem Bürgertum überlegenen Sozialismus nicht mehr und nicht weniger als eine Bürgergesellschaft. Freilich überlebten die meisten dieser Selbsthilfe-Unternehmen den Zustrom westlicher Immobilienverwerter nach dem Untergang der DDR nicht – dafür überleben Altstädte und Baudenkmäler, während die Plattenbauten verschwinden.

Udo Grashoff hat schon mit seinem Buch “In einem Anfall von Depression…“ über Selbsttötungen in der DDR eine lesenswerte, kenntnisreiche Arbeit zum Verständnis sowohl des Alltags wie der politischen Entwicklungen daselbst vorgelegt. “Schwarzwohnen” setzt diese ganz eigene Form der Dokumentation fort. Sie ist weniger auf Daten und Statistik aus – eine solche Untersuchung wäre mangels verlässlicher Unterlagen wohl auch kaum möglich – als auf die Befragung von Zeitzeugen, auf das Zusammentragen von Fotos und Protokollen. Er vergleicht nebenher Ähnlichkeiten und Unterschiede zu westlichen Hausbesetzern seit den 70er bis zu den 90er Jahren. Es kommen erstaunliche Ideen und Schicksale ans Licht, es ist vieles zu erfahren, was in offiziellen Darstellungen der DDR-Geschichte fehlt. Ich habe mich mit Vergnügen dieser Exkursion in die einstürzenden Altbauten meiner Jugend angeschlossen.

Das Buch gehört zur Schriftenreihe des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung und ist bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienen. Paperback, 200 Seiten, 19,90 €

Eintrag im Gipfelbuch von „Babels Berg“

Die Germanistin Dominique Wendland-Stindel kennt sich, da sie aus Frankreich kommt, in der deutschen wie französischen Literatur aus; unser Gedankenaustausch bei „Leben Lesen“ und im freundschaftlichen Kreis ist äußerst anregend. Aus ihrer Feder hätte ich auch scharfe Kritik zu meinen Romanen dankbar entgegen genommen. Umso mehr hat mich gefreut, dass sie „Babels Berg“ mit Vergnügen gelesen hat.
Soviel sei nur verraten : Sennewalds „Babels Berg“ ist viel, viel mehr als die (erwartete) Schilderung einer Jugend in der DDR der 60er und 70er Jahre. Es sind die beispielhaften, mal umwerfend komischen, mal bedrückenden, aber immer mitreißenden Lehrjahre eines neuartigen Candide namens Gustav Horbel. Er, der Physikstudent in Ostberlin, ist Zeuge und Akteur einer Fülle von Ereignissen und Entwicklungen, die ihn – und uns Leser – manchmal bis zu der Frage bringen könnten, ob die Welt ( nun ja, die damalige … ) doch nicht etwa eine Scheibe sein könnte. Eine sich ewig drehende oder ins Unendliche fliegende, versteht sich.

Mit welcher Chuzpe der Physiker Sennewald für den Augenblick eines folgenschweren Diskuswurfs die Naturgesetze ausser Kraft setzt, ist eines Mikhail Bulgakow oder eines Georges Méliès würdig. Und auch der „Überhorbel“ als freudscher Schutzengel sei hier erwähnt als ein Beispiel für die vielen augenzwinkernden Jubelmomente, die den Leser reichlich belohnen.

Sollte ein Kinoliebhaber – etwa aufgrund des Titels – einen Rückblick auf die berühmte Potsdamer Filmfabrik erwarten, so wird er hier Anderes, aber auch viel Besseres finden – nämlich ein filmreifes Drehbuch in der Gestalt eines sprachlich eleganten Romans : verblüffende Bildmetaphern, spritzige Dialoge, skurrile bis hinreißende Akteure, einen temporeichen Szenenwechsel, einen hintergründigen, niemals menschenverachtenden Humor. Dem Autor ist ein erstaunlicher Grenzgang , nicht nur zwischen Ost und West, sondern zwischen Fiktion und Realität, Dichtung und Naturwissenschaft, Satire und Information glänzend gelungen. Diese fulminante “ Raumzeitreise“ durch Ost- und Westberlin um 1970 – und weit darüber hinaus – ist eine große Lesefreude, die ich jedem empfehlen kann.