Deuter und Diktatoren

Vierbeiner gut – Zweibeiner schlecht!
 

Wenn Politiker im Kampf um die Deutungshoheit auf dem Weg zur Macht Herdenimpulse nutzen – tut das die Gegenseite, wird sie gern als "populistisch" geschmäht – leisten immer noch die Methoden der Schweine in Orwells "Farm der Tiere" gute Dienste. Allerdings zeigt sich, wie bei Orwell nachzulesen, dass die Realität ziemlich hartnäckig widersteht, wenn Ideologen sie schweinemäßig umzulügen versuchen.

Das Wort "Freunde" erlebte in der DäDäÄrr auf diese Weise einen Bedeutungswandel. Stalinismusverträglich wurde es von der Politbürokratie auf jeden beliebigen Einwohner der Sowjetunion gemünzt. Es gab eine "Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft", wer nicht berufliche Nachteile in Kauf nehmen wollte, wurde Zwangsmitglied – "freiwillig gezwungen" nannte das der Volksmund. Da insbesondere die Chefs der KPdSU wenig freundschaftliche Gefühle weckten, drückte "die Freunde" umgangssprachlich das Gegenteil aus: Misstrauen, Hohn, Spott.

Die meisten Russen haben nicht verdient, in diesem Sinn als "Freunde" bezeichnet zu werden. Das legt die Frage nahe, ob es nicht als zu verfolgende "hate speech" einzuordnen ist, überhaupt irgendeine Menschengruppe so zu bezeichnen.

Oder anders gewendet: Darf jemand wie Heiko Maas es als "hate speech" einordnen, wenn ich ihn als Freund, als hm, äußerst honorigen Volksvertreter oder leuchtenden Verfechter des Grundgesetztes bezeichne? In Kenntnis meiner Denkweise könnte er sich womöglich beleidigt fühlen. Das Problem hat E.T.A. Hoffmann im "Meister Floh" schon einmal illustriert: der Geheime Rat Knarrpanti sah sich jederzeit imstande, Personen zu kriminalisieren. Habe man einen Delinquenten erst einmal inhaftiert, meinte er, fände sich schon das passende Delikt, ihn auch gerichtsfest beliebig lange hinter Gitter zu bringen. Die böse Satire Hoffmanns auf den seinerzeitigen Berliner Polizeidirektor fiel folgerichtig unter Zensur, der Autor entging selbst strafrechtlicher Verfolgung nur, weil ihn der Alkoholtod dahinraffte.

Ich überlege, ein "Dschungelbuch der Deutungen" zu schreiben, das die ganze Komplexität solcher tierisch-menschlichen Phänomene zumindest aufscheinen lässt. Aber womöglich wäre das nur ein ebenso hoffnungsloser Versuch wie die Texte von Peter Panther, Theobald Tiger,… alias Kurt Tucholsky, den Erich Kästner einmal als kleinen dicken Berliner beschrieb, der versucht habe, mit seiner Schreibmaschine eine Katastrophe aufzuhalten. Die Umdeutungen haben wieder Konjunktur in der Politbürokratie und ihrer ideologischen und journalistischen Gefolgschaft.

Die Einwohner der DäDäÄrr durften zwar Tucho lesen, der war ja Antifa, aber nicht Orwell. Manchmal frage ich mich, ob der Applaus für die Weisen von damals nicht den heutigen Herden als Ersatz fürs Nachdenken über die Verhältnisse im eigenen Gatter dient. In der Regel befreit sie von ihrem Schicksal nur der Schlachter oder ein Wirbelsturm. Aber in stürmischen Zeiten der Freiheit sind Herdentiere meist ratlos, sie wecken nostalgische Wünsche nach verlorener Stallwärme. Zu besichtigen etwa bei den ihrer Sowjetunion beraubten Freunden.

Was bleibt? Tiefes Misstrauen gegenüber Deutern. Tieferes Misstrauen gegenüber Deutern von Gut und Böse. Tiefstes Misstrauen gegenüber Deutern, die Herdenimpulse in Dienst nehmen wollen, indem sie Propaganda als Heilsversprechen ausgeben.

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Rauch ohne Moral

Als Kind beeindruckte mich mein Großonkel Walter schwer, weil er aus seiner Zigarre – meistens waren das ziemlich übelriechende Stumpen – mit nur einem einzigen Zug ein Dutzend sehr wohlgeformte Kringel produzieren konnte. Sein zu einem “O” geformter, schmallippiger Mund entließ Serien makelloser hellgrauer Ringe in den Raum, meine Schwester und ich staunten, der alte Mann genoss die Show. Sie findet heute noch unter jungen Leuten Bewunderer, das Internet ist voller Bilder, Videos, Anleitungen, wie’s geht. Die Shisha wird ebenso gern eingesetzt wie die E-Zigarette, dagegen sind klassische Tabakpfeife und Zigarren in dieser Generation nicht angesagt: Die Welt des Rauchens hat sich in 50 Jahren sehr gewandelt.

IMMO_1967Rahmen Auf der Wartburg 1967

Damals kaufte ich mir meine erste Pfeife. Ich bin dieser Form des Tabakkonsums treu geblieben, die Stasi vermerkte in meiner Akte alsbald, dass ich mir derart wohl ein besonderes Ansehen geben wolle, wie auch durchs Tragen vor allem schwarzer Kleidung westlicher Herkunft. Wie so etwas ausgehen kann, ist in einem kurzen Film zu sehen.

Tragen kann einer hier und heute was er will. Rauchen wird von der Politbürokratie bekämpft, obwohl die Tabaksteuer immer noch ihren Wohlstand mitfinanziert. In den Printmedien, auf den Fernsehschirmen – namentlich öffentlich-rechtlichen – wagt es kaum mehr jemand, sich im Stile von Helmut Schmidt oder Ludwig Erhard zu präsentieren. Ein später Sieg nichtrauchender Vorbilder wie John D. Rockefeller, Adolf Hitler, Nelson Mandela und der Dalai Lama. Individuellen Lebensstil über genussvolle Tabak-Kultur in Form exzellenter Zigarren, kunstvoll aus Holz oder Meerschaum gefertigter Pfeifen zu pflegen: So etwas machen nur alte weiße Männer oder spleenige Selbstdarsteller beiderlei Geschlechts. Noch lässt es der Tugendfuror bei diesem Blick über die Schulter bewenden. Und ich werde’s halten wie meine Mutter, eine Raucherin vom Kaliber Helmut Schmidt, mit dem sie auch die Initialen teilt.

Kringel um Kringel rauch‘ ich mich ans SterbenWIN_20170216_16_43_22_cut
Dem Grabe näher bringt mich jedes Glas.
So tu ich Gutes allen meinen Erben
Wer schneller stirbt, der gönnt auch anderen was.

Der Tabakvorrat reicht, die Bar voll Flaschen
Solange mir kein Arzt den Spaß verdirbt
Das letzte Hemd hat schließlich keine Taschen;
Sei ‘s drum, dass Lust mir Höllenqual erwirbt.

Sei ‘s drum, dass üble Krankheitsherde glimmen
Dass der Gevatter seine Sense wetzt
Wer lustvoll lebt, lacht jedenfalls zuletzt;
Es gilt am Ende: Die Bilanz muss stimmen.

Die letzte Wahrheit lass ich gern den Moralisten
Mein Leben wird sie – wie meine Tod – ent-Rüsten.

Abschiedswunsch zum Ewigkeits-Sonntag

IMG_20151101_140019_1Am letzten Sonntag des November – Erich Kästner lässt ihn im zugehörigen Monatsgedicht den Trauerflor tragen – gedenken wir der Verstorbenen und des Todes. Je älter ich werde, desto dankbarer bin ich für das Glück meiner Lebensjahre, für die liebsten Menschen, die Freunde, die Lehrer, die Hilfsbereiten. Hilfe kam nicht selten in Form von Konflikten. Ich musste mich entscheiden, Bauchlandungen waren unvermeidlich, ich durfte mich, um einiges klüger, aufrappeln. Die Häme derjenigen, die ihr Motto „Mir nützt, was anderen schadet“ nicht verhehlten, motivierte eher als sie mich demütigen konnte – Schadenfreude ist ein ebenso einseitiges wie kurzes Vergnügen. Trotzdem finden ganze Berufszweige gutes Auskommen, wenn sie die Leute damit beliefern: Sie ist ein Sozialritual wie die Jagd nach Sündenböcken, so etwas verkauft sich auf dem Medienmarkt immer.

Derlei Gedanken kommen beim Gang über den Friedhof, wo zwar Laubbläser und andere technische Hilfsmittel die Totenruhe wieder an den Achtstundentag anpassen, seitab der gärtnerischen Mühewaltungen aber das Leben in schönster Vielfalt triumphiert: Amsel, Drossel, Fink und Star, Rotkehlchen, Grasmücken, Meisen aller Art, Specht und Zaunkönig lassen von sich hören, Bäume und Blüten feiern ihre Jahreszeiten, mitten in lärmverschmutzten Großstädten darf sich das Herz der Stille öffnen. Dann wird daraus vielleicht ein

Abschiedswunsch

Das Jahr meines Todes sei sonnensatt.
Mögen Menschen trinken in vollen Zügen
Vom Licht, von der Lust, vom schieren Vergnügen
Vom duftenden Wald und der Kühle im Watt.
Wenn abends die Fische nach Süden fliegen
Wenn Frösche und Eulen die Sterne anbeten
Eltern beim Tanz ihre Kinder vertreten
Wenn Wein die Regie nimmt und Fleisch den Verstand
Wenn du mich liebst mit dem Rücken zur Wand
Wenn alle Monde sich uns vermählen
Wenn wir endlich am Ende sind mit dem Erzählen
Erlöst uns, versprich ’s mir, der letzte Kuss
Sei mein Universum, eine Welt ohne Muss
Du, meine Liebe, bist ohnegleichen
Das Jahr die Sekunde: ich muss dich erreichen.

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Medienmut

Medusa_1895Die Bomben reißen Löcher in die Zeit.
Genüsslich schlürfen Kameras an Leidensmienen.
Die Journalistin fragt: „Wie geht es Ihnen?
Was fühlten Sie?“ Sie tritt so gerne breit.

So breit tritt sie die breitgelatschten Wege
So eng und dienstbeflissen ist ihr Blick
Zum letzten Dienstgespräch reicht er zurück
Zum letzten Lächeln ihres Chefs, zur Quotenpflege.

Und vor ihr liegt die Aussicht, ihren Namen
Genannt zu sehen und im Kreis zu sein
Der prominenten Medienherrn und –damen
Die da bestimmen über Sein und Schein.

So geht sie hin. Ihr Glauben ist ihr Wissen
Und zur Gesellschaft reicht ihr ihresgleichen.
Die größte Angst, im Meinen abzuweichen
Und – statt zu reden – etwas tun zu müssen.

Liebeserklärung für eine Musikerin

Aus einem Konzert der polnischen
Akademia Filmu i Telewizji

Wie gerne schrieb ich alle meine Träume
Und Wünsche in ein einziges Gedicht
Für Dich. Doch könnte ich es, fändest Du es nicht.
Zu eng, zu fern sind unserer beider Räume.

Was Liebe werden will, muss sich entgrenzen
Muss Universum sein, und sich verlieren
und aneinander klammernd seine Schwere spüren
Kernkraft und dunkle Energie und alle Divergenzen.

Dafür lässt uns Geschäftigkeit nicht einen Takt
Nanosekunden scharf gestellter Uhren
Wir rechnen Liebesaugenblicke aus wie Huren
Glück wird in Freizeitfolie eingepackt.

Doch spielst du – fremde Liebste – Sinfonien
Im Kreis beglückter, hingegebener Meister
Schau ich in Dein Gesicht, entfliehen
Die hässlichen, vom Alltagszwang beherrschten Geister.
Hör ich Dir zu, ist es wie mit Dir tanzen
Mein Leben wird erwünscht, erträumt zum Ganzen.

Zwischen Frost und Frühling

IMG_20170421_195045_1Regen

Flüstre mir mit sanfter Trommel
Deine grünen Märchen ein.
Komm aufs Dach und tröpfle Tränen
Aus verschwiegenen Haremsträumen
Träufle süßes Gift der Liebe
Körperschwer und sinnenträge
Mir in meine Frühlingsnacht
Regen, vom April gemacht.

August – vorbei

2012-08-08 19.23.00

Nie sah zuvor ich alle Zeit der Welt

So für den Augenblick zusammenschießen.

Der goldene Saum des Sommers streift den Herbst

Ein himmlisch kurzes, glühendes Entzücken

Zerteilt die Nacht und ist schon wieder fort

Ehe mein Glück den richtigen Wunsch gefunden

Der wäre: schenkt mir, kosmische Gewalten

Im gnädigen Wollen, das ich nie versteh

Recht viele solcher sanfter Sternenküsse

Und, wird es nächstens kalt, ein Kleid aus Schnee.