Abschiedswunsch zum Ewigkeits-Sonntag

IMG_20151101_140019_1Am letzten Sonntag des November – Erich Kästner lässt ihn im zugehörigen Monatsgedicht den Trauerflor tragen – gedenken wir der Verstorbenen und des Todes. Je älter ich werde, desto dankbarer bin ich für das Glück meiner Lebensjahre, für die liebsten Menschen, die Freunde, die Lehrer, die Hilfsbereiten. Hilfe kam nicht selten in Form von Konflikten. Ich musste mich entscheiden, Bauchlandungen waren unvermeidlich, ich durfte mich, um einiges klüger, aufrappeln. Die Häme derjenigen, die ihr Motto „Mir nützt, was anderen schadet“ nicht verhehlten, motivierte eher als sie mich demütigen konnte – Schadenfreude ist ein ebenso einseitiges wie kurzes Vergnügen. Trotzdem finden ganze Berufszweige gutes Auskommen, wenn sie die Leute damit beliefern: Sie ist ein Sozialritual wie die Jagd nach Sündenböcken, so etwas verkauft sich auf dem Medienmarkt immer.

Derlei Gedanken kommen beim Gang über den Friedhof, wo zwar Laubbläser und andere technische Hilfsmittel die Totenruhe wieder an den Achtstundentag anpassen, seitab der gärtnerischen Mühewaltungen aber das Leben in schönster Vielfalt triumphiert: Amsel, Drossel, Fink und Star, Rotkehlchen, Grasmücken, Meisen aller Art, Specht und Zaunkönig lassen von sich hören, Bäume und Blüten feiern ihre Jahreszeiten, mitten in lärmverschmutzten Großstädten darf sich das Herz der Stille öffnen. Dann wird daraus vielleicht ein

Abschiedswunsch

Das Jahr meines Todes sei sonnensatt.
Mögen Menschen trinken in vollen Zügen
Vom Licht, von der Lust, vom schieren Vergnügen
Vom duftenden Wald und der Kühle im Watt.
Wenn abends die Fische nach Süden fliegen
Wenn Frösche und Eulen die Sterne anbeten
Eltern beim Tanz ihre Kinder vertreten
Wenn Wein die Regie nimmt und Fleisch den Verstand
Wenn du mich liebst mit dem Rücken zur Wand
Wenn alle Monde sich uns vermählen
Wenn wir endlich am Ende sind mit dem Erzählen
Erlöst uns, versprich ’s mir, der letzte Kuss
Sei mein Universum, eine Welt ohne Muss
Du, meine Liebe, bist ohnegleichen
Das Jahr die Sekunde: ich muss dich erreichen.

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Abschiedswunsch

BerlinzigarreDas Jahr meines Todes sei sonnensatt.

Mögen Menschen trinken in vollen Zügen

Vom Licht, von der Lust, vom schieren Vergnügen

Vom duftenden Wald und der Kühle im Watt.

Wenn abends die Fische nach Süden fliegen

Wenn Frösche und Eulen die Sterne anbeten

Eltern beim Tanz ihre Kinder vertreten

Wenn Wein die Regie nimmt und Fleisch den Verstand

Wenn du mich liebst mit dem Rücken zur Wand

Wenn alle Monde sich uns vermählen

Wenn wir endlich am Ende sind mit dem Erzählen

Erlöst uns, versprich ’s mir, der letzte Kuss

Sei mein Universum, eine Welt ohne Muss

Du, meine Liebe, bist ohnegleichen

Das Jahr die Sekunde: ich muss dich erreichen.

Schiffbruch

William Turner "Der Schiffbruch"

William Turner „Der Schiffbruch“

Ist es wirklich schon soweit?
Muss ich schon die Segel streichen?
In den stillen Priel entweichen
Ferne jedem Sturm und Streit?
Ganz entfernt von Lust und Träumen
Fernweh, Rausch und Übermut
In gefühlsbefreiten Räumen
Ganz vergessen Schmerz und Wut?

Ja, mein Schiff ist leck geschlagen
Brüchig Falle, Reeps und Trossen
Alle Munition verschossen
Morsches Holz will nichts mehr tragen.
Muscheln bohrten sich in Spanten
Nur noch Tünche hält den Rest
Der Kommandobrücke fest
Ratten pfeifen von den Wanten:
„Zeit dass du von Bord verschwindest
Abwrackst diesen mürben Kahn
Du bist nur ein alter Mann
Zeit, dass du dich überwindest!
Sag dich los vom Abenteuer
Nimm die müde Hand vom Steuer!
Was dich trieb mit allen Sinnen
Nach dem Rot der Frauenlippen
Nach kokettem Füßewippen
Nach des Körpers schönster Zierde
Nach dem hingegebenen Fallen
In den Abgrund der Begierde
Da die Augen sich verschließen
Alle Fasern nur genießen
Englische Gesänge schallen
Kannst du längst nicht mehr gewinnen!“

Also pfeift die Rattenschar
Und es gellt mir in den Ohren
Alles ist – so scheint’s – verloren
Was Mission der Reisen war.

Bleibt mir nach der letzten Fahrt
Nur, mein Schiffchen abzufackeln
Und beschämt ins Grab zu wackeln?
Nein, das ist nicht meine Art.
Mit den Steinen unterm Fuß
Will ich noch ein wenig weilen
Mich beim Wandern nicht beeilen
Träumend bis zum letzten Kuss.

Zum Abschied meiner Mutter

2012-07-23 14.08.14Als wollte sie uns zum Abschied die schönsten Tage dieses Sommers schenken: Am 17. August ist meine Mutter im gesegneten Alter von 85 Jahren eingeschlafen. Ihre Texte und Bilder bleiben. 

 

Gerade eben hattest Du mich auf dem Arm
Und Du standest an dem Kinderbett
Während ich als kleiner Häwelmann –
Nachthemd aufgespannt am großen Zeh als Segel –
Fuhr zum Mond mit meinem Schwesterlein
Gerade eben waren wir noch klein.

Gerade eben zündest Du die Kerzen an
Weihnachtslichter machen uns die Träume hell
Und das Glöckchen schallt – war’s nicht grad eben?
Schlug nicht gerade noch die alte Uhr?
Schlug sie uns nicht frohe Stunden nur?
Ist so lange her – ein ganzes Leben.

Gerade eben hattest Du mich auf den Knien
Und den alten Messekatalog dazu
Mit sehr großen M und großem A
Und so lernte ich bei Dir das Lesen.
Auch im fernen China geht es los mit „MA“.
Auch im fernen China werden Köpfe grau
Und vergangene Jahre werden zu Geschichten
Die Maler malen und die Dichter dichten.
Kinder verlassen ihre Ma, aus Schwesterlein wird Frau.
Und wär’n doch manchmal gerne wieder klein gewesen.

Nach so viel Jahren schaut man dann zurück
Und wundert sich, wie schnell die Zeit vergangen
Dabei hat’s gerade eben angefangen
Das achtzig Jahre lange Lebensglück
Aus Glauben, Hoffen, Lieben und Entbehren.
Du inszeniertest Dir Dein eigenes Stück
Mit Narren für den Spaß, mit Feinden, Dich zu wehren
Dein Kopf ward grau: du konntest uns was lehren.

Nun gingst Du fort, sehr still und ohne Klagen.
Du ließest uns Dein allerletztes Bild.
Da sahen wir: Dein Da-Sein war erfüllt.
Und wir gedenken Dein an hellen Sommertagen.

TodesanzeigeMA