Medienglocke

Wie’s die Arbeit am „Raketenschirm“ mit sich bringt, tauchen Tagebuchnotizen und Gedichte aus jener Zeit auf, da an Publikation nicht zu denken war. Dem folgenden eignet ein Hauch Aktualität …
(24.3.1986)

Die große Medienglocke dröhnt
feilgeil, geilfeil, feilgeil, geilfeil
unsere Münder stumm aufzu
kein Laut gegens Gedröhn
die Bewegung selbst schon im Rhythmus
in uns der leise Zynismus
subkutane Ideologie: gib zu deine Ohnmacht
Beweis deines Unrechts
du bist allein.
Millionen Fliegen steigen auf gesättigt
matt Scheiben glänzen Augurengesichter
die Glocke tönt besinnungslos
tonlos der Schrei der Vernunft.

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Biedermeier

“Franzosen und Russen gehört das Land

das Meer gehört den Briten

Wir Deutschen besitzen im Luftreich des Traums

die Herrschaft unbestritten.”

(Heinrich Heine)

August_von_Kotzebue

Auf diesem Bild ist nicht Heinrich Heine zu sehen, sondern ein anderer Dichter. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war er der bedeutendste Theaterautor, der meistgespielte, und das heißt nicht nur auf deutschen Bühnen, sondern in zahllosen Familien- und Amateuraufführungen. Das Medium Theater hatte noch keine Konkurrenz von Film und Fernsehen.

August von Kotzebue – das weiß noch jeder mit vollendeter Halbbildung – starb bei einem Attentat. Er galt vielen als Spion des russischen Zaren und Feind des neudeutschen Patriotismus. Er war keiner. Er war eher ein Anhänger des häuslichen Friedens und der moralimprägnierten Harmonie zwischen allen Völkern und Rassen.

Dem Attentäter war’s egal, er war jung, er sah sich im Besitz des höheren moralischen Auftrags, er war bewaffnet.

Man könnte sich in etwa vorstellen, dass Richard Gere von einem Al Qaida-Helden weggesprengt würde. Als Rache für Osama Bin Laden.

Seltsamerweise käme heute wie damals heraus, dass das Ergebnis für die vom Attentäter vertretene politische Richtung so nützlich ist, wie für den Fortschritt der Demokratie und Kultur insgesamt: verschärfte Sicherheitsgesetze, Generalverdacht gegen jede fremde Herkunft bzw. abweichende Meinung bei noch mehr Leuten; liberale und kritische Geister erfreuen sich des Misstrauens der Masse wie der Obrigkeit und der deutsche Michel richtet sich auf Jahrzehnte – just so wie im Biedermeier – in seiner Spießeridylle ein, von wo aus er dem Rest der Welt genauestens erklärt, dass freilich der Mord am Filmstar ein Ärgernis sei, der Ermordete aber durch sein buddhistisches Bekenntnis der Tat Vorschub geleistet habe. Der Islam sei einmal kriegerisch, die Amerikaner allgemein unbeliebt, nun möge man es gut sein lassen, künftig still und eingezogen leben, wie’s deutsche Art ist.

Die Ablehnung neuer Technologien war seinerzeit ebenso verbreitet wie heute bei einem großen Teil der Bevölkerung. Man muss leider sagen, dass geldgierige Unternehmer sich darum nicht scherten. Vor allem im Ausland nicht, das steckte einige vaterlandslose Gesellen an. Viele Juden übrigens. Die Deutschen fanden das umoralisch, führten einige Kriege, um die Welt an der deutschen Moral genesen zu lassen – anscheinend stecken ihnen die Niederlagen in den Knochen. Die Aufgaben werden nicht kleiner: die Chinesen müssen von ihrer Kernkraft abgebracht, die Amerikaner sowieso geläutert werden.

Vorwärts zur Sonne, zur Freiheit: von fossilen Energieträgern, AKW und amerikanischem Imperialismus! Klar! Aber wozu die moralisch sauberen Deutschen die Welt befreien wollen – zu welcher Art des Zusammenlebens – davor ist mir ziemlich unheimlich.

Tränen lügen nicht – oder doch

Der libysche UNO-Botschafter hat mit Zeichen emotionaler Bewegung vor seinen Kollegen öffentlich bekundet, dass Ghaddafi, gerade noch sein großer Führer und Geschäftspartner beim Ausplündern der Libyer, nicht länger sein Chef ist. Mir fiel angesichts der Krokodilgesichter, die bei dieser Gelegenheit in die Fernsehkameras glibberten, ein alter Text ein. Darin geht es um die unauflösliche Wertegemeinschaft zwischen Journalisten und Mächtigen. Sie wird immer mehr zur Herzensangelegenheit. “Marienhof” war gestern. Die ganze Welt ist eine einzige Dokusoap.

Nichts beweist die Nähe zwischen den Politikern unseres Landes und dem gemeinen Volke eindringlicher, als die herzlichen Gefühle, die wir alle dank der Massenmedien miteinander teilen dürfen. In einer Sternstunde des Journalismus – leider weiß niemand mehr genau, wer erleuchtet wurde und wann – ward die Leitidee geboren „Gehet hin mit euren Notizblöcken, Mikrofonen und Kameras und erfragt vor allem eines von euren Interviewpartnern: was empfanden sie, als… (die Punkte sind durch erlittene Geiselnahmen, Lottogewinne, Scheidungsurteile oder Wahlniederlagen zu ersetzen) “.

Von da an durften Politiker hoffen, nicht länger entweder als dröge Faktenhuber oder Opfer böswilliger Karikaturen („Birne“, „Ziege“, „rote Heidi“, „Genschman“ etc.) herhalten zu müssen, sondern in ihrer ganzen liebenswerten Menschlichkeit zu wirken, namentlich auf Bildschirmen. Recht eigentlich können wir nun von Mediendemokratie sprechen, denn Maßstab öffentlicher Auftritte sind allein menschliche Gefühle. Nicht länger verschließt sich kühl formuliertes Herrschaftswissen dem Verständnis des Publikums: endlich kann sich jeder Mann, jede Frau, ja jedes Kind kompetent fühlen, über Ziele und Motive der Regierenden sachkundig zu urteilen, denn es geht um Psychologie. Genauer: um jene Äußerungen von Schmerz, Trauer, Zorn und – sagen wir es ruhig: Betroffenheit!, deren Dynamik unser aller Leben bewegt.

Was vor mehr als zweihundert Jahren vom Schweizer Pastor Lavater und unserem großen Goethe mit den „Physiognomischen Fragmenten zur Beförderung von Menschenkenntnis und Menschenliebe“ begonnen wurde – die Massenmedien und vornehmlich das Fernsehen bringen es zur Vollendung: jeder Mensch ist Psychologe! Und so entscheidet er über das Schicksal des Gemeinwesens mit, indem er seine in der „Lindenstraße“ und bei „Big Brother“ erworbene Fähigkeit nutzt, Sympathische von Unsympathischen zu scheiden und Urteile über jemandes Glaubwürdigkeit sowie seine Tugenden und Laster zu sprechen. Und dann schreitet er zur Wahlurne.

So durften wir erleben, wie gut es auch unseren Politiker zu Gesicht steht, sich in fein differenzierter Menschenbeobachtung zu üben. Hat doch nach einer Sitzung des parlamentarischen Untersuchungsausschusses in der CDU- Spendenaffäre Herr Ströbele, Abgeordneter der Grünen, die von Frau Baumeister vergossenen Tränen in die Waagschale der Glaubwürdigkeit geworfen. Sie neigte sich daraufhin zu Ungunsten von Wolfgang Schäuble. Ströbele ist uns nicht länger fremd. Voller Spannung erleben wir, wie aus einer Affäre eine Herzensaffäre wird. Wir nehmen uns vor, unsere Abgeordneten, Minister und Beamten, selbst Kanzler, Kanzlerinnen und Bundespräsidenten künftighin mit anderen Augen zu sehen: so wie Hansemann, Mutter Beimer oder die Punchingbälle von Dieter Bohlen und Heidi Klum.

Manchmal beschleicht mich allerdings der Verdacht, dass es längst Beraterverträge, dass es gar ein Kartell geben könnte. Schließlich beschäftigen viele Manager Schauspiellehrer, um ihre „Performance“ zu verbessern. Und dann frage ich mich: ist das jetzt noch gute, echte Seifenoper oder schon böse, verlogene Politik?

Der Wohlstandsmüll, die Menschen und Hartz IV

Das politische Spektakel um die sogenannten Hartz-IV-Gesetze nimmt kein Ende, eigentlich sollte dem Mann, dessen Name Sozialgeschichte schreibt, ein Denkmal gesetzt werden. Finanzieren werden es die Nutznießer der Fürsorgeindustrie: Rechtsanwälte, Journalisten, Politiker, Funktionäre, deren Weizen auf dem Mist deutscher Sozialgesetzgebung blüht wie nie zuvor.

Kein Grund eigentlich auch für alle anderen, über den Sozialstaat zu klagen – er gehört immer noch zu den leidlich intakten dieser Welt, jedenfalls wenn wir auf die Gelder schauen, die für Personal, Ausstattung, Versorgung mit Medikamenten und Hilfsmitteln, Kontrollen und Überwachung fließen. Geld ist auch gar nicht das Problem; selbst wenn ein Vielfaches in das System investiert würde, milderte es nicht Armut und Elend. Im Gegenteil: indem wir ausschließlich übers Geld verhandeln, mit dem eben jene Nutznießer der Fürsorgeindustrie gefüttert werden, übersehen wir das eigentliche Elend, dem mit der Delegierung an einschlägige Geldmaschinen eben nicht beizukommen ist. Die Rede ist von schreiender Armut an sozialer Grundbildung und einer Verelendung der Kultur infolge besinnungsloser Überflutung mit Medienmüll. Wir dürfen ohne zu übertreiben die mediale Landschaft als Müllhalde sehen, an der Produzenten und Verwerter prächtig verdienen, während eine wachsende Zahl von Menschen sich der Verwertung stinkender Reste hingeben. Das erspart ihnen die Mühsal einer weiterführenden Bildung, die andererseits sind der Verantwortung ledig, mehr für das Fortkommen der Randexistenzen tun zu müssen; sie schlafen sehr ruhig, da Müllfresser in ihrem persönlichen Umfeld nur ausnahmsweise auftauchen.

Sie halten mir entgegen, Slums neben Müllkippen gebe es nicht in Deutschland? Vielleicht nicht die Slums neben echten Mülldeponien wie in Asien oder Afrika. (Dorthin entsorgen wir ganz gern gefährliche Wohlstandsabfälle). Aber ist es übertrieben zu sagen, dass Deponien hierzulande besser gegen Giftmüll und Ausbrüche gesundheitsgefährdender Stoffe gesichert sind, als Kinderzimmer und Altenheime gegen das schleichende Gift der Gefühlskälte, gegen das Ausbrechen asozialer Gier nach Macht und Geld, einschließlich Lust an der sadistischen Vorführung von Gewalt, Prangerritualen und anderen Formen der Demütigung?

Welches Verhalten erleben Kinder als vorbildhaft und welche werden dadurch bei ihnen ausgebildet? Die des prügelnden, am Lebenslimit vegetierenden Proletariers dürfen wir wohl dem Reich historischer oder geografischer Erzählung zurechnen – je düsterer die Farben, in denen Medien, Pädagogen, Politiker sie malen, desto paradiesischer leuchtet der eigene Herrschaftsbereich. Nein. Fast alle Kinder – egal ob aus der “Elite” oder dem “Hartz-IV-Reich” – erleben durchsetzungsstarke Rechthaber und Anspruchswahrer als erfolgreich. Nur ausnahmsweise machen sie im familiären Umfeld die Erfahrung, dass Teilen, Helfen, Verzicht auf kurzfristigen Vorteil, mutiges Eintreten für eigene Meinung und das Recht des Schwächeren belohnt werden. Das gilt für Kindergärten und Schulen nicht minder. Der Medienmüll à la “Dschungelcamp” wuchert auch auf den Pausenhöfen der bestgeführten Anstalten, und die Pausenhöfe sind wesentlicher Trainingsplatz des Sozialverhaltens; die Klassenzimmer sind es oft nur insofern, als dort überforderte Pädagogen ihr angestelltes Dasein für die Jugend zum Spicken im Internet freigeben.

Langsam wird klar, dass diese Form von Erziehung und Bildung uns machen könnte. Wir fürchten uns davor, hilfsbedürftig zu werden. Wir glauben dennoch hartnäckig weiter daran, letztlich alle Probleme mit Geld lösen zu können. Deshalb zahlen wir für Versicherungen. Sie sollen uns unabhängig machen von den Unwägbarkeiten des Lebens, von Konflikten in der Familie, mit dem Arbeitgeber, von Unfällen, Krankheiten, Naturkatastrophen. Wir sind so damit beschäftigt, das Geld für diese Unabhängigkeit zu verdienen, dass wir nicht merken, wenn uns am Ende niemand mehr braucht, dann nämlich, in der Welt leistungsorientierter, abrechenbarer, durchorganisierter Routinen und Rituale, wenn die Durchsetzungsstarken uns nicht mehr als potente Kunden sehen, sondern an uns Geld nur mehr zu verdienen ist, indem man uns – satt und sauber – ruhig stellt. Dafür kommt die Versicherung auf, die wir mehr oder weniger teuer bezahlt haben. Wir haben uns selber abgeschafft, während wir uns abschafften – jedenfalls als Persönlichkeiten. Persönlichkeiten leben nämlich von sozialem Umfeld, von , zu denen durchaus Konflikte gehören, allerdings auch die Fähigkeit, sie auszuhalten und – widerständig oder kooperativ – zu überwinden. Geld braucht einer dafür nicht, Vorbilder schon. Die geeignete Bildung ist das Training einer – für geringeren Einsatz ist Persönlichkeit nicht zu haben, für Geld gar nicht. Wo aber Persönlichkeit und personalisiertes Umfeld fehlen, also fast überall in der Arbeitswelt der Geldmaschinen, bleiben nur Versorgungsfälle.

In den vergangenen Jahren lasen, hörten, sahen wir immer wieder ; Reportagen oder Insiderprotokolle von schauderhaften Verhältnissen waren das, Geschichten von Übergriffen gegen wehrlose Patienten, von Gewalt und elendem Siechtum, von einsamem Absterben in sterilen oder verwahrlosten Häusern, wo überfordertes, unterbezahltes Personal menschliche Zuwendung durch forsche Sprüche und gnadenlose Routine ersetzt. Man mochte es nicht mehr lesen, hoffte zugleich inständig, dank eigenen familiären Rückhalts oder hinreichender finanzieller Vorsorge nicht auf einer solchen geordneten Deponie zu enden.

Da die Kinder längst im selben Tretrad des Sich-unabhängig-Machens mindestens ein Drittel ihres Lebens zubringen, also mit ihrer eigenen Entsorgung beschäftigt sind, haben sie natürlich keine Zeit, leidende Eltern zu betreuen, Dasselbe gilt – in unterschiedlich an Gewissensnöte gekoppelter Form – für Enkel, Geschwister, Freunde, Kollegen, … kurz: die ganze menschliche Umgebung. Jeder einzelne und alle zusammen wären mit der Pflege eines Dementen überfordert. Klar. Und deshalb sterben sehr, sehr viele von uns satt und sauber, aber sehr einsam.

Es fehlt uns an menschlicher Zuwendung, nicht an elektronisch gesteuerten Rollstühlen, Hör- und Sehhilfen, Prothesen, barrierefreien Internetseiten. Es fehlt uns an nachhaltigem, verlässlichem Zusammenhalt. Die sind unbezahlbar, um die muss man sich lebenslang selber bemühen, indem man Gefühlsbindungen wichtiger nimmt als Sachwerte, Rituale der Vertrautheit wichtiger als Höchstleistungen. Ein Heimaufenthalt wird dann immer noch nicht schön, aber man erhält bestimmt Besuch, der einen im Rollstuhl herumfährt, einen umarmt, bei den Händen hält, mit einem redet. Für das letzte Quäntchen eigenen Vermögens (also der Fähigkeiten, nicht des Geldes) findet sich in jedem Heim noch eine erfüllende Aufgabe, auf die man trainiert ist: die einen von Sachen unabhängig macht, nicht von Menschen. Vielleicht ändern sich dann sogar die Heime.

Großmutter 1989

Uneitles Vorbild, Erzieherin für drei Generationen, 86 Jahre alt

Weltformel oder Weltgeist?

Roger Penrose, berühmter Mathematiker und Kosmologe, hat dieser Tage wieder einmal bemerkenswerte Gedanken zum Fortschritt der Physik beigesteuert.

Seit es die Relativitätstheorie und die Quantenphysik gibt, bemühen sich Physiker, Unvereinbarkeiten der beiden Modelle durch eine neue, alles umfassende Theorie zu bereinigen. Meine Auffassung dazu ist schon seit Jahren, dass eine solche Theorie aus dem Grunde nicht als “Weltformel” zu haben ist, weil jede Formel nur als Teil von Kommunikationsprozessen existiert, eine Weltformel aber gewissermaßen die Zeit herausrechnen müsste, in der Kommunikation einmal abläuft. Der berühmte “Symmetriebruch” dem gemäß die Zeit nur in einer Richtung verläuft, ist unserem Da-Sein, unserem Wesen geschuldet, ohne Menschen und ihr Denken gibt es nun einmal keine Formeln und mit einem menschenleeren Universum können wir keine Erfahrungen machen. Es ist letztlich nur ein Konstrukt menschlicher Vorstellung, als solches dann halt doch wieder Bestandteil der Menschenwelt. Einige Überlegungen dazu finden sich in  meinem Buch “Der menschliche Kosmos” aus dem Jahr 2006.

Die Frage was “vor” dem Urknall gewesen sei, ist sinnlos, weil “Urknall nichts anderes ist als eine Vorstellung von einer Zusammenballung nahezu unendlich großer Masse (oder Trägheit), darin ist „Zeit“ aufgehoben.

In einer “Welt aus Licht” (oder genauer: Strahlung) dagegen – also einer der Trägheit Null – gäbe es ebenfalls keine Zeit, weil es zu keinerlei Interaktion kommen kann.

Aus diesen Elementen lässt sich ein Modell zyklisch wiederkehrender “Urknalle” ableiten, das zumindest einen neuen Blick auf das Entstehen und die Dimensionen des Universums verspricht – auch auf die Rolle, die dem Menschen in seinem Denken und Handeln zukommt.

“Zyklen der Zeit”,das neue Buch von Penrose – es erscheint im April – werde ich demnächst besprechen.

Dankeschön für Hilde

Beim Unterricht mit Schauspielstudenten

Hilde Buchwald an der Berliner Schauspielschule


Als ich für SWR 2 „Leben“ mein Feature „Das leibliche Gedächtnis – wie unser Körper sich erinnert“ produzierte, verdankte ich einiges Hintergrundwissen, vor allem aber eigene Körpererfahrung meiner Bewegungslehrerin am Regieinstitut in den Jahren 1975 bis 1978. Hildegard Buchwald-Wegeleben erweckte in uns Studenten Körpergefühl und Körperbewusstsein. Dass unsere Erinnerung – vor allem die an soziale Interaktion – tief verwurzelt ist und sich durch die Arbeit des Schauspiels auf eindrucksvolle Weise eine eigene Welt auf der Bühne und im Film erschafft, habe ich erst viel später verstanden. Heute führt diese Erkenntnis zu völlig neuen Möglichkeiten in der Psychotherapie.
An solchen Entwicklungen sind immer viele Menschen beteiligt, wenige prägen sich so nachdrücklich ein wie Hilde. Sie half mir auch, die psychische Konstitution zu entwickeln, mit denen ich Konflikte – etwa nach dem „Fall Biermann“ – am Rande der Exmatrikulation überstand. Am Ende des Jahres 2010, da mit „Babels Berg“ auch Gustav Horbels Weg zum Theater veröffentlicht ist, sage ich Hilde noch einmal von Herzen Dankeschön.

Tanz mit der Wirklichkeit

Philosophiebuch des Jahres
Im blog.literaturwelt.de hatte ich schon darauf aufmerksam gemacht: Alva Noë hat zweifellos eines der wichtigsten Bücher zur modernen Philosophie geschrieben.
Am 3. Dezember hat SWR 2 in seiner „Buchkritk“ meine ausführliche Rezension zu „Du bist nicht Dein Gehirn“ ausgestrahlt.
Oliver Sacks hat nur einen Satz zu Noës radikaler Abrechnung mit dem objektivierenden Subjektivismus gesagt:
»Dieses Buch sollte jeder gelesen haben, der über das Denken nachdenkt.«
Er hat vollkommen Recht. Für mich war eine besondere Freude, Alva Noë zum Interview in Frankfurt am Main bei der berühmten Ballettcompagnie von William Forsythe zu treffen. „Das leibliche Gedächtnis – wie unser Körper sich erinnert“ ist eine Arbeit für den Hörfunk, die Erkenntnisse aus „Der menschliche Kosmos“ aufgreift und weiterführt: Kunst und Wissenschaft bewegen sich nach Jahrhunderten der mechanistischen Trennung wieder aufeinander zu.