Weihnachtsschmuck: Friede – Freude – Eierkuchen? (IV)

kERZENGARTENJa. Das ist die Frage. Wieso hat die Omma nicht einfach Erwins Geschenk akzeptiert als – noch so vorübergehenden – Ausdruck seiner Güte? Als Beweis dafür, dass doch in jedem Menschen ein guter Kern steckt?

Sie wollte in puncto Güte das letzte Wort haben. Sie war ziemlich aristokratisch. Die Omma. Sie war ein leuchtendes Beispiel, wie sich aristokratische Haltung auch noch unter erbärmlichsten Umständen zu behaupten versucht. Wir waren fast mittellos, selbst auf die Gnade der Verwandtschaft im Westen angewiesen. Aber ein Geschenk von einem Proleten – ausgeschlossen!

Da ist natürlich was dran. Und natürlich hat Erwins Instinkt ihm genau diese Deutung eingegeben. Es war also nix mit Weihnachtsfriede, Weihnachtsfreude, Weihnachtswunder. Erwin grüßte bis Neujahr nicht einmal mehr. Die Art, wie die Omma auf den geschenkten Baum reagierte, empfand er als gnädige Herablassung, als arrogant. Er hatte eben auch seinen Stolz. Die Hüllers blieben uns, die wir der verabscheuungswürdigen Klasse der Hausbesitzer angehörten, also weiterhin, bis zu ihrem Auszug kurz vor dem Abriss des alten Hauses, spinnefeind, trotz der Westschokolade und der für damalige Verhältnisse exorbitanten Zahlung von zehn Mark für eine – höchst wahrscheinlich geklaute – Fichte.

Das leuchtet doch auch ein – oder?

Die Omma hatte ihre eigene Logik: „Wenn ich einen geklauten Baum bezahle, ohne zu fragen, bin ich vielleicht dämlich. Nehme ich ihn als Geschenk, mache ich mich dem Dieb zum Kumpan. Das möchte Erwin vielleicht, aber ich möchte das nicht. Basta.“ So durfte jeder seine Vorurteile behalten. Auf unsere Omma könnte man den alten Spruch münzen: „Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz“: Zehn Mark und zwei Tafeln echte Schokolade für eine Krücke von einem Christbaum.

Hm. Mir wäre auch die Schokolade lieber gewesen. Ein Weihnachtsfriede mit Erwin Hüller hätte sowieso kaum bis Neujahr gedauert.

Das wusste die Omma natürlich auch. Nicht, dass sie keinen Frieden gewollt hätte.

Im Gegenteil. Sie hasste Zank und Streit. Sie litt körperlich, wenn sie mit ihrer Tochter oder einem von uns aneinandergeriet. Ich frage mich, was passiert wäre, wenn nicht Lilo die Tür geöffnet hätte sondern Erwin. Er hätte das Geld womöglich zurückgewiesen. Was dann?

Vielleicht hätte die Omma Hüllers die nächste Miete erlassen. Zwölf Mark. Die Schokolade hätte sie heimlich den Kindern zugesteckt.

Wenn wir was übrig gelassen hätten.

Es war nicht allein der reichere Gabentisch, der uns von den Hüllers trennte.

Wären da nicht die Pakete aus dem Westen gewesen… Ohne sie hätte das Christkind uns freilich nicht viel mehr und anderes bescheren können als Sigi und seinen Geschwistern.

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Weihnachtsschmuck: Friede – Freude – Eierkuchen? (III)

Grinsekatze.jpgKomisch – diese Geschichte habe ich anscheinend vergessen.

Du warst erst acht, glaube ich – vielleicht auch an diesem Tag noch bei den Kusinen zum Spielen. Der Elfjährige bekam den Auftrag, den Duftbaum am besten gleich zu zerhacken, während sich die Mutter, den Rodelschlitten an der Hand, eine Handsäge im Rucksack, auf den Weg nach Ersatz machte. Notfalls hätte sie im Wald eine Fichte geklaut. Aber im Hof hielt uns Nachbar Hüller auf: „Stinkt ze sea, Lärje, oda?“. Er grinste uns an. „Isch hob jo dän Kota gäsähn. Wollta’n ondan?“

Hüller hat Hilfe angeboten? Vor diesem Schläger hatte ich immer nur Angst.

Ich auch. Mutter und ich – wir trauten ihm beide nicht über den Weg, Mutter wollte schon ablehnen, aber mit einem Blick auf die Uhr besann sie sich. „Was soll er denn kosten?“

Nüscht, ze Weenocht is geschenkt. Un weilse da Lilo geholfen ham mit dän Sigi.“

Stimmt. Unsere Mutter als Hebamme beim fünften – oder war ’s das sechste? – Kind der dicken Lilo. Ich hab ’s kaum glauben wollen. Ausgerechnet unsere Mutter schneidet in diesem stinkenden Loch einem Neugeborenen die Nabelschnur durch, badet es, wickelt es in Windeln. Das muss in jenem Jahr gewesen sein. War ’s nicht das Mauerjahr?

Niemand kam mehr weg. Aus uns konnten keine Flüchtlinge mehr werden. Mutter und Großmutter hatten jahrelang darüber gestritten: Gehen oder bleiben? Sie waren geblieben, sie wollten unser marodes altes Fachwerkhaus und den Garten unbedingt erhalten, trotz Mangels an Handwerkern und Material, trotz des Ärgers mit Behörden und Nachbarn wie Erwin und Lilo. Dabei bestimmten sie längst nicht mehr darüber, wer bei uns wohnte. Erwin war eingezogen, weil er nach dem Krieg – je nach politischer Sicht – „Umsiedler“ aus Breslau, so hieß es in der DDR, Flüchtling oder „Heimatvertriebener“ war, so hieß es im Westen. Erwin hatte zwei Söhne mitgebracht, fand in einem der umliegenden Dörfer seine Lilo und zeugte mit ihr weitere Kinder. Dem Jüngsten half unsere Mutter in die Welt, weil die Hebamme nicht schnell genug für Lilos routinierte Niederkunft war.

Beide deutsche Staaten wiesen nach dem Krieg Flüchtlingen Quartiere zu, Eigentümer mussten Platz machen und Zimmer räumen.

Wir hatten immer noch genug. Aber viel komfortabler als die Hüllers lebten wir nicht. Zwar hatten wir ’ne Wasserleitung wir mussten keine Eimer die Treppen hoch schleppen, aber hinunter aufs Plumpsklo mussten wir genauso, kein Spaß im Winter bei zehn Grad Minus.

Dass du mit deinen dicken Büchern dir dort nicht als Kind den Hintern erfroren hast… Aber egal: Wie ging’s mit Erwin weiter? Habt ihr den Baum genommen?

Er hatte zwei. Der erste habe Lilo nicht gefallen, da habe er einen anderen organisiert.

Klar: organisiert. Gekauft hatte er ihn nicht.

Er hätte auch lügen können – es war egal. Mutter hatte schließlich den Fuchsschwanz im Rucksack, und er war nicht so dumm, dass er das nicht mitbekommen hätte. Der erste Baum war wirklich nicht sehr ansehnlich, er bot uns aber sogar den besseren an: „Isch bin bloß ee eenfocha Oabeta, oba isch weeß, wos sisch zu Weenochtn geheat…“

Holla. Ob das der dicken Lilo gefallen hätte?

Wir werden es nie erfahren, Mutter nahm natürlich den schlechteren. Sie bedankte sich überschwänglich, Erwin murmelte noch etwas davon, dass die Hausbesitzer ja auch mehr und schöneren Schmuck haben als „ee eenfocha Oabeta“, dann trampelten wir erleichtert nach oben, auf die warme Insel, um die Krüppelfichte zum Christbaum herauszuputzen.

Christliche Nächstenliebe bei Erwin Hüller? Ich sehe diesen pöbelnden, prügelnden Ausbund an Hässlichkeit mit den eng neben der Hakennase stehenden gelben Augen, den an der Glatze klebenden Haarsträhnen, der Warze auf der Oberlippe genau vor mir. Sein schmaler Mund verzieht sich überm Porzellangebiss zu einem schiefen Grinsen, niemals hätte er ein Lächeln zustande gebracht. Ein Weihnachtsgeschenk von ihm wäre ein Weihnachtswunder… Das war das dritte Wort des Pastors, nicht wahr? Weihnachtsfriede, Weihnachtsfreude, Weihnachtswunder.

Es würde passen und es wäre ein prima Motiv für eine herzerwärmende Predigt zur Christvesper. Das Wunder von Bethlehem. Gott, der Allmächtige, begibt sich seiner Allmacht und kommt als bettelarmes, schutzbedürftiges Kind im Stall von Bethlehem zur Welt – wie der kleine Sigi im Hüllerstall.

Auf den kleinen Sigi warteten allerdings von seinem ersten Schrei an so viel Schläge, dass er an Leib und Seele Schaden nahm. Wäre er im Namen des Herrn geboren worden, hätten Erwin und Lilo ihm die Heilsgeschichte aus den Kaldaunen geprügelt. Sein Kreuz waren schon die Eltern. Seltsame Geschichte. Weil unsere Mutter ihren Abscheu überwand und Geburtshilfe leistete, zeigt sogar ein Erwin Hüller zu Weihnachten Gefühl. Soweit ich mich erinnern kann, hat dieses Wunder – in Gestalt eines krüppligen Christbaums – allerdings weder Sigis Kindheit noch das Verhältnis zwischen den Hüllers und uns mit Nächstenliebe erfüllt.

Das Wunder fand ja auch nicht statt. Und das dritte Wort war auch nicht Wunder. Das war dem Pastor womöglich zu abgedroschen. Manchmal glaube ich, dieser alte Mann mit patriarchaler Erscheinung wollte alles außer Eierkuchen-Eiapopeia zu Weihnachten. Mich beunruhigt er heute noch. Seine Botschaft von der Kanzel war: Prüft euch selbst. Was ist euch euer Glaube wert, was eure Nächstenliebe?

Er war beeindruckend. Aber wieso wurde nichts aus dem Wunder? Hatte Erwin damals irgendeine Heimtücke in petto, die ich nicht mitbekommen habe? Die etwas krumme, kleine Fichte als Ausnahme in der Reihe unserer stattlichen Christbäume kann ich mir inzwischen vorstellen. Entspannte sich nicht sogar das Verhältnis zu den Hüllers ein wenig – nach diesem Zeugnis guten Willens?

Die Omma hat es verhindert. Das Wunder fiel einfach aus. Es gab kein Geschenk, es gab demzufolge auch keinen Dank und keine gemilderten Antipathien. Kaum dass Mutter Erwins Baum ins Kreuz gekeilt, die Geschichte erzählt und mit dem Dekorieren begonnen hatte, griff die Omma zu ihrem Portemonnaie und verließ die Wohnung. Da ich neugierig war, folgte ich auf dem Fuß. Die Omma klopfte bei Hüllers, drückte der verdatterten Lilo zehn Mark in die Hand und sprach: „Dankeschön für den Weihnachtsbaum, Sie haben uns sehr geholfen. Ich weiß das zu schätzen. Ich weiß auch, dass Sie viel nötiger als wir das Geld für so ein Bäumchen brauchen, darum nehmen Sie das, auch für Ihre Kinder.“ Damit ließ sie dem Geldschein noch zwei Tafeln Schokolade aus ihrer Schürzentasche folgen, drehte sich um, schob mich in die Wohnung, ehe Lilo „Muff!“ hätte sagen können, von mir zu schweigen. Ich war stinksauer. Die Schokolade…

…kam aus einem Westpaket und war eigentlich für uns, nicht für die blöden Hüllerskinder. Wieso hat sie das getan? Etwa aus Nächstenliebe und Dankbarkeit für Erwins weihnachtliche Wandlung vom Saulus zum Paulus? Mit dem Mann hatte sie nichts als Ärger erlebt – von Mietschulden bis zu den zahllosen Interventionen gegen Prügelattacken auf die Kinder und vergeblichen Versuchen, Lilo daran zu hindern, die Wäsche statt in der Waschküche auf dem Vorplatz zu waschen.

Weiter zum Teil IV

Weihnachtsschmuck: Friede – Freude – Eierkuchen? (I)

Ein Dialog zwischen Geschwistern

weihnacht53Erinnerst du dich? Dieser Duft nach altem Stearin. Er entströmt einer runden Schachtel aus Bast, dunkel vom Staub der Jahrzehnte in der Bodenkammer. Alles was zu diesem Duft gehört, ist längst verschwunden: der Dachboden, wo die Schachtel den Frühling, Sommer, Herbst verdämmert, bis sie aus dem Schrank geholt wird für wenige Stunden, mit ihr die Pappkartons, nicht weniger alt und staubig, voll wundersamer Dinge aus Glimmer, Glas und Stanniol. Manchmal flimmern Pulverschneeflocken im Halbdunkel des Fachwerks, wenn der Winter kalt ist und trocken, der Wind treibt Kristalle zwischen Ziegeln, Balken, Sparren hindurch. Da sind Ritzen, durch die weißes Licht flirrt, über grauweiße Wellen von Staubschnee, über schiefgetretene Dielen. Hörst du sie knarren?

Ja ja. Damals. Es war eine Hatz, den Schnee wegzuschaffen, bevor er schmelzen und braune Wasserränder an die Decke darunter batiken konnte. Schmutzbatik. Schmutzbatiken gab’s einige an den Zimmerdecken des alten Hauses. Aber der Boden war eine riesige Wunderkammer. Von dort holten wir auch Schlitten, Bretter und Skischuhe.

Verschwunden, vergangen. Aber der Duft alter Kerzenreste – weißt du noch? Es riecht nach Weihnacht. Bis Heiligabend hat der Christbaum im Hof gestanden, im Schnee. Dann tragen wir ihn hinauf, den Schmuck vom Boden herunter über die knarrenden Holztreppen. Tonleitern aus Holz. Gestimmt in zwei Jahrhunderten von Tausenden Füßen: langsamen und schweren, kleinen, flinken, leichten, und von Hundepfoten.

Auch von Stürzen. Vom Poltern der Zinkeimer, die Nachbar Hüller seinen Buben nachschleuderte: „Holamal’n Eema Wossa, Lärje!“ Tag für Tag. Wasser von der Leitung im Hof für den wachsenden Haushalt, Kind für Kind, fast Jahr für Jahr. Wie viele Eimer Wasser haben sie hinauf geschleppt in knapp zwei Jahrzehnten? Was für Weihnachten mögen sie gehabt haben, diese Hüllers, in ihrer Wohnküche? Ich weiß nicht einmal mehr, ob die Kinder zu Weihnachten weniger Prügel bekamen. Die Tür zu diesem stinkenden Stall blieb immer zu. Meistens knallte sie zu, dann hörten wir das Gebrüll der Eltern, das Jammern und Schreien der Kinder. Gab es dort ein Weihnachten?

Immerhin wünschte man auch diesen Nachbarn „Frohe Weihnachten“. Und einen Baum hatten sie wohl, sie gingen nur nicht zur Kirche.

Weiter zum Teil II

Gibraltar

Sonnenaufgang überm Braunschweiger Univiertel. Links das Studentenheim, genannt "Affenfelsen"

Sonnenaufgang überm Braunschweiger Univiertel. Links das Studentenheim, genannt „Affenfelsen“

Kante des Affenfelsens, fremd und kalt
Des Mondes Silberlampe schärft Konturen
Und löst die Angst. Komm in mein Herz, du Licht
Du Hoffnung spendender Gefährte aller Leiden
Du ferner Freund, der alles sieht und weiß
Komm in mein Herz und hilf mir wieder wachen.
Die Nacht ist lang – und ich bin aus dem Gleis.

Ein Augenblick nur ist’s nach Afrika
Wo Hunger, Krieg und Mord die Kinder fressen
Wo Blut den Boden tränkt, kehrt’s Mittelalter wieder
Mit allen Gräueln glorioser Zeiten
Da Religionen sich um Herrschaft streiten
Und Menschen sich im Mob aus Hass vergessen
An jeder Gottheit, Wahrheit – ohne Halt.
Nichts, was mir nicht geschieht: Die Welt wird alt.

Nimm mich mit dir auf deine stillen Bahnen
Trag mich durchs Dunkel: Ich bin sehr allein.
Man sagt, du wärest leblos, ganz aus Stein.
Doch dein Gesicht kann unser Tun nicht fassen.
Gewalt Macht Lust – Du sahst die Türkenkriege
Sahst Gräben, Lager, Bunker, siehst uns hassen
Und Gräuel erschaffen, die wir selbst nicht ahnen.

Die Räume zwischen Meer und Himmel werden eng.
Nichts als ein dünner Film ist unter unseren Füßen.
Die Krume: nährt sie, ausgezehrt von Gier nach Geld
Noch alle Menschenkinder unserer alten Welt?
Sprich, guter Mond: Kommt jetzt die Zeit zu büßen?

Letzte Blüten

OrchideeWikiDas Gedicht spielt auf Georg Trakls „Romanze zur Nacht“ an.

Es erschien vor 100 Jahren, am Ende einer Epoche, die von mit besonderer Sensibilität Begabten wie Trakl als Vorabend katastrophaler Ereignisse wahrgenommen wurde.

 

 

 

Einsamer im Orchideenfeld
Suchst unter Blüten dein Herz zu retten
Wünschst, dass ein Wunder vom Himmel fällt
Defibrillator gegens Sterben in Betten
Hoffst auf Bestand für die Liebesträume
Auf deiner Bindungen Rekonvaleszenz
Leugnest die Macht der irdischen Trends
Mustermänner bevölkern die Räume.
Horch nur: die Elstern bekrächzen dein Scheitern
Horch nur: Klatschkanäle filtern dich aus
Horch nur: der Mob umstellt schon dein Haus
Sieh nur: die Wunden beginnen zu eitern.

Einsamer, nun schärfe dein Messer
Trenn dir die müden Triebe ab.
Die Orchideen nimm als Schmuck für dein Grab
Du weißt: In Freiheit stirbt es sich besser.

Brüchige Stimmen

abhauenNein: Literatur ist das nicht. Die beiden mit historischen Fotos bedruckten Taschenbücher zeigen ebenso wenig Ehrgeiz auf einen exponierten Platz im Bücherschrank wie ihre Autoren ihn auf Buchpreise haben dürften.

70Meter Angst

Diese Autorinnen und Autoren haben die Geschichte ihrer Konflikte erzählt, Jürgen Kleindienst und Ingrid Hantke vom Zeitgut Verlag haben sie behutsam zur Veröffentlichung vorbereitet, so dass die sehr unterschiedlichen Erzähler-Stimmen erhalten sind, von ihnen ragt keine heraus, fast alle prägen sich ein, keine mag ich einzeln bewerten, es sind Stimmen ihrer Zeit, wie sie auch Steven Spielberg der Nachwelt überliefern wollte, einige sind verstummt.

Hat jemals ein Abschnitt der deutschen Geschichte derart viele Protokolle, Zeugenberichte, literarische Versuche hinterlassen wie die Zeit zwischen der deutschen Teilung und der Gegenwart? Jedenfalls hat kein Genre auf sie verzichtet. Ich habe Feuilleton-Redakteure über die “Flut der DDR-Bewältigungstexte” stöhnen hören, wundere mich beinahe, dass ausgerechnet diese kunstlosen, sprachlich wenig originellen Erzählungen unter den Titeln “Abhauen oder hierbleiben? – Im Konflikt mit dem DDR-System. 1949 – 1961” und “Siebzig Meter Angst – Fluchtgeschichten aus der DDR. 1961 – 1989” mich durchweg interessierten. Die beiden Bändchen sind eine Auswahl aus einem vermutlich viel größeren Fonds, den der Verlag im Laufe der Jahre zusammengetragen hat, und daran hat er gut getan.

Diese Sammlung ist jedenfalls ein Beleg dafür, wie sich Macht, vermeintlich im Besitz wissenschaftlicher Wahrheit, darüber täuscht, was Menschen bewegt. Die Wahnvorstellung, unser Denken, Handeln, unser Glück und Leiden an Plänen ausrichten zu können, trifft auf eine Mannigfaltigkeit persönlicher Lebensentwürfe, an der sie scheitern muss. Manche dieser Entwürfe in den beiden hier vorgestellten Büchern sind mitleiderregend schlicht, viele liegen mir, dem Leser, fern. Einige haben Motive und Dimensionen die an Assange, Manning, Snowden erinnern. Aber nicht das verleiht den Erlebnisberichten ihren überzeitlichen Wert. Er liegt in Kräften, die Menschen unterschiedlichster Herkunft, Hautfarbe, Religion, Bildung unabhängig vom Geschlecht oder Lebensalter verbindet: sie wollen frei und selbstbestimmt über ihren Weg entscheiden, sie wollen ihn unter Schmerzen gehen oder leichtsinnig, von Zorn getrieben oder von der Liebe, von Einsichten oder weil sie einfach nicht wissen, dass Sprengminen Hackfleisch aus ihnen machen oder die Schussbereitschaft “bewaffneter Organe” mit anschließender Kremierung sie als Aschehäufchen zur Familie zurückbringen könnte. Fehlte ihnen die Phantasie über mögliche Folgen einer Flucht?

Was den Wert dieser Bücher ausmacht: Mehr als jede “Phantasy” zeigen sie die Phantasielosigkeit der Herrschenden, mehr als jeder noch so ambitionierte Krimi aus ewiggleichen Versatzstücken lassen sie einen spüren, dass wahres Leben immer und immer wieder nur das eigene ist, dass noch so Unterhaltsames, “spannungsvoll” Zurecht-Gemachtes meist nichts als den Ritualen ordnungsmächtiger Verblödung dient.

Nach Lektüre der beiden kargen Taschenbücher lasse ich mit mehr Bewusstsein alles links liegen, was auf gutes Feeling in der Vermarktungsgemeinschaft der Bestseller von Krimis, Horror, Phantasy, History, sonstigen Preisträgern im Dienste konformer Monokultur zielt oder – ganz einfach – all das, was unter der Last ihrer traurigen Existenz leidende Feuilletonredakteure für wichtig ausgeben.

“Abhauen oder hierbleiben? – Im Konflikt mit dem DDR-System. 1949 – 1961” und “Siebzig Meter Angst – Fluchtgeschichten aus der DDR. 1961 – 1989”, Zeitgut Verlag Berlin 2013, zusammen 13,80 €

 

Frühlingsnacht

Big-eared-townsend-fledermaus

Frühlingsnacht. Die Fledermaus
Flattert im dämmrigen Hof.
Kellerluft und Straßenbraus
Treiben sie aus gärenden Wipfeln
Falter taumelt zum Schwof
Zu Lampen und Blüten
Zum süßen Verein
Taumelt in mein Fenster herein.
Frühlingsnacht. Die Fledermaus
Irrt im dämmrigen Hof.
Lautloser Tanz, unhörbarer Schrei
Unbemerkt ist ein Leben vorbei
Zwischen Lampen und Blüten
Gab den Falter ich frei
Zu seinem letzten Schwof.
Das Fenster ist offen. Im süßen Verein
Treiben und taumeln wir zwei.