Herztöne – ein Erschrecken

Blümchen

Seltsam spricht mein Herz zu mir.

Leis, in unvertrauten Worten

Spricht’s von den vertrauten Orten

Seltsam spricht mein Herz zu mir.

Ach mein Kopf kann nichts begreifen

Alles ist so lange her.

Meine Sprache klingt nicht mehr

Meine Haut hat schwarze Streifen.

Kinderträume, Kinderreime

pflanzt der Tod in unsere Seelen

eifrig lernen wir zu quälen

Glück erstickt so schnell im Keime.

Leise spricht mein Herz zu mir.

Diesmal will ich stille sein.

Diesmal will ich darauf hören.

Diesmal will ich nichts zerstören.

Diesmal bin ich ganz allein.

Eros

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Lange her, dieser Versuch aus dem Jahr 1980, aber doch vom Stoff, aus dem Romane werden …

 

Eros naht auf leichten Flügeln
In des Abends Dämmerdunkel
In den matten Morgennebeln
Auf der Sonne sanften Strahlen.
Lächelnd streicht er deine Lippen
Die sich wölben unterm Finger
Und in deinen Augen wieder
Sammeln sich die munteren Funken
Nie vernahmst du seine Stimme
Doch du fächelst seine Sprache
Sprechend mir die Nacht voll Träume
Breitest seinen Flügelmantel
Und die Schenkel angestemmt
Gegen deine, seine Kräfte
Fühle ich den Boden schwinden.

Verstopfte Zukunft

Das ist eines der Gedichte aus den Jahren des Berufsverbots in der DDR 1985 bis 1989. Ich hatte viel Zeit, Augen und Ohren offen zu halten, nachzudenken, meine Hausaufgaben zu machen.

 

Auf Autobahnen springt kein Ball

Beton begräbt vergessene Kinderspiele

der liebe Gott verschwindet fern im All

Gevatter Tod starb längst in seiner Siele.

Bunt lockende Unsterblichkeit quillt aus Maschinen

der Schnupfen wird zu einem Lieblingsfeind

wir üben lächelnd, Apparaten dienen

Schmerz ist vermeidbar: es wird nicht geweint.

Es wird gelächelt. Und es wird bestätigt.

Einander. Jeder sich. Und jeder jeden.

Die schöne neue Welt wird aufgenötigt

durch Fernsehbilder und durch Zeitungsreden.

Die Sonne scheint in Breitwand und Color

in Betten triumphiert die Nettigkeit

Erschütterung kommt praktisch nicht mehr vor

gesichert fressen wir die Zukunft heut.

Etwa zur selben Zeit schrieb Rudolf Bahro, 10 Jahre nachdem er mit seiner “Alternative” den “Real existierenden Sozialismus” radikal analysiert hatte, sein Buch “Logik der Rettung”. Viele der damals gestellten Fragen sind heute dringlicher als je.

Erfüllung (Fassung von 1986)

 

Kindblüte

 

Du schöne Einsamkeit

Du stille Stunde

Du ungelebter Sturm

Du unempfangene Wunde

Du fliederduftende Erinnerung

Du ungeteiltes Sehnen

Du Flug im Traum

Du unbedachtes Spiel

Kein Maß hat solches Glück

Kein Planen und kein Ziel.

Traum ist was bleibt

Nur Unerfülltes währt

Die Blüte stirbt

Der Wind bleibt in den Wäldern

Die Straßen stürzen in Vergangenheit

Das Morgen hüllt sich in den Trauerflor

Der Mann gewinnt nicht, was das Kind verlor.

 

Seit heute sind alle frühen Gedichte von Ende der 70er Jahre bis zu den 90er Jahren digitalisiert. Manche handschriftliche Fingerübung von damals ist mehr als nur historisches Dokument.

Medienglocke

Wie’s die Arbeit am „Raketenschirm“ mit sich bringt, tauchen Tagebuchnotizen und Gedichte aus jener Zeit auf, da an Publikation nicht zu denken war. Dem folgenden eignet ein Hauch Aktualität …
(24.3.1986)

Die große Medienglocke dröhnt
feilgeil, geilfeil, feilgeil, geilfeil
unsere Münder stumm aufzu
kein Laut gegens Gedröhn
die Bewegung selbst schon im Rhythmus
in uns der leise Zynismus
subkutane Ideologie: gib zu deine Ohnmacht
Beweis deines Unrechts
du bist allein.
Millionen Fliegen steigen auf gesättigt
matt Scheiben glänzen Augurengesichter
die Glocke tönt besinnungslos
tonlos der Schrei der Vernunft.

Kiesel

Spiegelbild eines Felsens im See

Unsichtbar in der Tiefe - was?

Erschienst du mir ein wenig blass am Morgen?
Und strahltest nachts, mein Stern, in jedem Licht.
Warst du nur müde? Hieltest du verborgen
Ein schattiges Gespinst aus deinen Sorgen?
Die Sonne zeigt: du zeigtest sie mir nicht.

War ich es selbst, der deine Mienen trübte?
Zog ich die Folie über deinen Glanz?
Dein Wort war zögerlich, dein Blick Distanz.
Dein Kuss blieb stumm – du gabst ihn mir nicht ganz.
Dieweil ich mich in süßem Reden übte.

Du bist schon fort, eh’ ich mich’s recht versehen.
Versäumte ich, dein Bleiben zu erflehen?
War dir der Abschied leicht? Du bliebst nicht stehen
Und winktest kaum zurück. Ich blieb allein.
So macht aus Sonne und Vulkan das Meer den Stein.

Herbstnah

Blick über Blumen in den Wald

Abschiedsblüte

Der Wald beginnt nach Sterbenszeit zu duften
Die Blüten nicken Abschied vom Balkon
Im Fernsehn hören wir von großen Schuften
Den kleinen Gangstern geben wir Pardon.

Wir selbst begehen ja nur kleine Morde
Wir spucken ab und zu in ein Gesicht
Wir fühlen uns bestätigt von der Horde
Alleingelassen fühlen wir uns nicht.

Alleingelassen sind wir ganz alleine
Wie nachts ein Kind, des Mutter ging davon
Und nahm die Hand von ihm, die warme, feine
Und sichere Hand und den vertrauten Ton.

Wie welke Blätter sinken unsere Herzen.
Wir fliehn in Lärm und Licht und Witz und Braus.
In kalte Fesseln legt der Herbst das Haus
Und unsere Blicke flackern mit den Kerzen.
Wir sind in Not. Die Fenster werden trübe.
Der Arzt sagt: das sind depressive Schübe.

Dom zu Naumburg

Mosaikbild von anna Knauth 1855

Annas Fenster 1855

Du stiller Schatten. Kerzenduft, verbannt
Noch duftend nach verwehter Hoffnung
Heimlichen Wünschen, Träumen, barmender Verzweiflung
Nach meiner Ahne ahnendem Erschauern.

Du Stein. Du höchste Kunst in höchsten Nöten
Du Botschaft, wundersam und unerhört.
Du Friedensschauplatz, unruhvoller Hafen
So fern den Meeren, nah den Galaxien
So voll Gesichter, Stimmen, Sinfonien
Ich wünscht’ in dir den letzten Schlaf zu schlafen.

Fortsetzung folgt

Brunnen unterm Lindenbaum im Schwarzwald

Sommernacht - Lesenacht

Allen, die gekommen waren, war’s ein Vergnügen, allen, die mitgeholfen haben, eine gelungene Arbeit. Das „Badische Tagblatt“ bestätigte in einem Artikel am 21.8.  den Veranstaltern den Erfolg. Deshalb wird die Reihe „Leben Lesen“ fortgesetzt mit noch mehr guten Texten von hoffentlich vielen Interessierten Autoren, Geschichtenerzählern, Musikern.
from immediator.de
Leben Lesen am 19.8. 19 Uhr

Literaturabend im Schwarzwald

Jugendzeit und Sommernachtsträume

Der Erinnerung die Zügel lassen, träumen, was war – oder hätte sein können. Das ist der Stoff, aus dem Romane werden.

Wer Lust hatte, Geschichten zu hören, selbst eine Geschichte zu erzählen, war eingeladen zu einem Sommerabend mit Literatur und Musik, umgeben vom schönsten Schwarzwaldpanorama weit und breit. Immerhin 25 Literaturfreunde kamen, darunter der 90jährige Autor Georg Polomski, der mit seinem Humor in Gedichtform und durch eine ansteckend fröhlich vorgetragene Kurzgeschichte die Zuhörer beeindruckte. Gregor Goller las eigene Gedichte; besonnene Poesie wechselte mit Witzigem im Stil von Heinz Erhard.
Die Buchhandlung Wild präsentierte zum Thema passende Bücher; nach der Gesprächsrunde traf sich eine gesellige Runde in den nahe gelegenen „Eckbergstuben“, um weiter zu plaudern.
Der Abend war ein gelungener Auftakt zu weiteren Veranstaltungen dieser Art unter der Überschrift „Leben Lesen“
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Sommer

Rosenblüte, rot

Blühen und Vergehen

Sommer
Komm, meine Sonne, tränke meine Haut
mit Lichtgefühl, durchdringe meine Lider,
erweck die Düfte aller Sommer wieder
und alle Blüten, die ich je geschaut.

Mach aus der Zeit ein kosmisches Gewebe
und schmilz die Uhren ein zu schwarzem Schaum.
Zieh mich auf deiner Bahn zum Weltensaum,
mach mich zum Augenblick, in dem ich lebe.

Tags: Gedicht,