Eros

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Lange her, dieser Versuch aus dem Jahr 1980, aber doch vom Stoff, aus dem Romane werden …

 

Eros naht auf leichten Flügeln
In des Abends Dämmerdunkel
In den matten Morgennebeln
Auf der Sonne sanften Strahlen.
Lächelnd streicht er deine Lippen
Die sich wölben unterm Finger
Und in deinen Augen wieder
Sammeln sich die munteren Funken
Nie vernahmst du seine Stimme
Doch du fächelst seine Sprache
Sprechend mir die Nacht voll Träume
Breitest seinen Flügelmantel
Und die Schenkel angestemmt
Gegen deine, seine Kräfte
Fühle ich den Boden schwinden.

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August

augustrose

Lange her – 1978: ein romantischer Sommer, in dem eine große Liebe zerbrach. Ein Stachel von Schuld und Scham blieb – und ein Gedicht.

 

Auf Rosenblättern, weit entfalteten
Liegt Tau. Die Sonne ist
Von sanftem Gold am Morgen und der Wind
Blättert die Bäume auf am Mittag:
Der Sommer neigt sich. Liebe schwand
Gleich mattem Grillenton und welken Blüten
Und ward Erinnerung. Es naht die Zeit
Der vielen Farben wieder, jeden Jahres Grün
Besiegend. Knisternd brennt
Die Zeit hinweg, selbst gleichend so dem Laub
Das sie erschuf und wegnahm.

Nicht ewig selbst die Sonne, sehen wir
Von braunen Menschenkörpern aufgezehrt
Verschönt ihr Glanz nur kurz, als Seelenglanz
Bleibt weniger noch, als Seife von der Haut wäscht.

Was hoffte ich? – Des Winters lange Sehnsucht
Ist Unrast nur des Sommers. Voller Hast
von Lärm erfüllt lauschte ich sehr nach Stille.

Kann sein – ich hab sie einfach überhört?

 

Schreibe, um zu überleben – Déjà-vu!

 

Es war 1985. Mein Versuch, ein Off-Theater in Ostberlin, damals Hauptstadt der DäDäÄrr zu gründen, war von der Behörde verboten worden.

Spinner, Staatsfeind – frei auf eigene Rechnung

Im Tagebuch vom 29. Juli steht:

"Das Gefühl ABSOLUTER SCHUTZLOSIGKEIT als einziger Beleg (und Preis) für moralische Integrität – wie lange hält man das aus?
Entsetzlich: dieses Verwundern der Leute, dass man nicht konform geht, dass man nicht bereit ist, den Preis für Wohlstand und Erfolg zu zahlen. Sie achten – respektieren – nur den ERFOLGREICHEN Künstler, nicht den Künstler. Sie nehmen, was sie zur Selbstbestätigung brauchen und bemerken nicht den Selbstbetrug. (Wie sich unsere Gesellschaft in ihren Elitekünstlern selbst betrügt). Was für eine Verantwortung für die wirklich Großen: Widerstand über jede Koketterie hinaus!”

Das ist – Kernfragen von Uwe Tellkamps "Turm", dem 2008 mit dem Deutschen Buchpreis bedachten Roman um 23 Jahre vorwegnehmend – ein Kommentar besonderer Art … Und dann fragt sich der nach Hinauswürfen und Verboten zur Untätigkeit Verurteilte, was bleibt:
"Das Wenige, das ich mir auferlege, ist meiner Angst geschuldet, …, die Konfrontation suchen, um nicht vereinnahmt zu werden, …, Leiden, um unempfindlich zu werden (wie unempfindlich bin ich schon?)."
Dann aber steht da mit roter Tinte:
"Verweigerung als die bequeme Möglichkeit, sein Teil Schuld nicht tragen zu müssen?"
Was für eine bizarre Frage angesichts der Tatsache, dass die an Brutalitäten und Rechtsbrüchen Schuldigen sich damals wie heute erfolgreich ihrer Verantwortung entziehen!

Der Wohlstandsmüll, die Menschen und Hartz IV

Das politische Spektakel um die sogenannten Hartz-IV-Gesetze nimmt kein Ende, eigentlich sollte dem Mann, dessen Name Sozialgeschichte schreibt, ein Denkmal gesetzt werden. Finanzieren werden es die Nutznießer der Fürsorgeindustrie: Rechtsanwälte, Journalisten, Politiker, Funktionäre, deren Weizen auf dem Mist deutscher Sozialgesetzgebung blüht wie nie zuvor.

Kein Grund eigentlich auch für alle anderen, über den Sozialstaat zu klagen – er gehört immer noch zu den leidlich intakten dieser Welt, jedenfalls wenn wir auf die Gelder schauen, die für Personal, Ausstattung, Versorgung mit Medikamenten und Hilfsmitteln, Kontrollen und Überwachung fließen. Geld ist auch gar nicht das Problem; selbst wenn ein Vielfaches in das System investiert würde, milderte es nicht Armut und Elend. Im Gegenteil: indem wir ausschließlich übers Geld verhandeln, mit dem eben jene Nutznießer der Fürsorgeindustrie gefüttert werden, übersehen wir das eigentliche Elend, dem mit der Delegierung an einschlägige Geldmaschinen eben nicht beizukommen ist. Die Rede ist von schreiender Armut an sozialer Grundbildung und einer Verelendung der Kultur infolge besinnungsloser Überflutung mit Medienmüll. Wir dürfen ohne zu übertreiben die mediale Landschaft als Müllhalde sehen, an der Produzenten und Verwerter prächtig verdienen, während eine wachsende Zahl von Menschen sich der Verwertung stinkender Reste hingeben. Das erspart ihnen die Mühsal einer weiterführenden Bildung, die andererseits sind der Verantwortung ledig, mehr für das Fortkommen der Randexistenzen tun zu müssen; sie schlafen sehr ruhig, da Müllfresser in ihrem persönlichen Umfeld nur ausnahmsweise auftauchen.

Sie halten mir entgegen, Slums neben Müllkippen gebe es nicht in Deutschland? Vielleicht nicht die Slums neben echten Mülldeponien wie in Asien oder Afrika. (Dorthin entsorgen wir ganz gern gefährliche Wohlstandsabfälle). Aber ist es übertrieben zu sagen, dass Deponien hierzulande besser gegen Giftmüll und Ausbrüche gesundheitsgefährdender Stoffe gesichert sind, als Kinderzimmer und Altenheime gegen das schleichende Gift der Gefühlskälte, gegen das Ausbrechen asozialer Gier nach Macht und Geld, einschließlich Lust an der sadistischen Vorführung von Gewalt, Prangerritualen und anderen Formen der Demütigung?

Welches Verhalten erleben Kinder als vorbildhaft und welche werden dadurch bei ihnen ausgebildet? Die des prügelnden, am Lebenslimit vegetierenden Proletariers dürfen wir wohl dem Reich historischer oder geografischer Erzählung zurechnen – je düsterer die Farben, in denen Medien, Pädagogen, Politiker sie malen, desto paradiesischer leuchtet der eigene Herrschaftsbereich. Nein. Fast alle Kinder – egal ob aus der “Elite” oder dem “Hartz-IV-Reich” – erleben durchsetzungsstarke Rechthaber und Anspruchswahrer als erfolgreich. Nur ausnahmsweise machen sie im familiären Umfeld die Erfahrung, dass Teilen, Helfen, Verzicht auf kurzfristigen Vorteil, mutiges Eintreten für eigene Meinung und das Recht des Schwächeren belohnt werden. Das gilt für Kindergärten und Schulen nicht minder. Der Medienmüll à la “Dschungelcamp” wuchert auch auf den Pausenhöfen der bestgeführten Anstalten, und die Pausenhöfe sind wesentlicher Trainingsplatz des Sozialverhaltens; die Klassenzimmer sind es oft nur insofern, als dort überforderte Pädagogen ihr angestelltes Dasein für die Jugend zum Spicken im Internet freigeben.

Langsam wird klar, dass diese Form von Erziehung und Bildung uns machen könnte. Wir fürchten uns davor, hilfsbedürftig zu werden. Wir glauben dennoch hartnäckig weiter daran, letztlich alle Probleme mit Geld lösen zu können. Deshalb zahlen wir für Versicherungen. Sie sollen uns unabhängig machen von den Unwägbarkeiten des Lebens, von Konflikten in der Familie, mit dem Arbeitgeber, von Unfällen, Krankheiten, Naturkatastrophen. Wir sind so damit beschäftigt, das Geld für diese Unabhängigkeit zu verdienen, dass wir nicht merken, wenn uns am Ende niemand mehr braucht, dann nämlich, in der Welt leistungsorientierter, abrechenbarer, durchorganisierter Routinen und Rituale, wenn die Durchsetzungsstarken uns nicht mehr als potente Kunden sehen, sondern an uns Geld nur mehr zu verdienen ist, indem man uns – satt und sauber – ruhig stellt. Dafür kommt die Versicherung auf, die wir mehr oder weniger teuer bezahlt haben. Wir haben uns selber abgeschafft, während wir uns abschafften – jedenfalls als Persönlichkeiten. Persönlichkeiten leben nämlich von sozialem Umfeld, von , zu denen durchaus Konflikte gehören, allerdings auch die Fähigkeit, sie auszuhalten und – widerständig oder kooperativ – zu überwinden. Geld braucht einer dafür nicht, Vorbilder schon. Die geeignete Bildung ist das Training einer – für geringeren Einsatz ist Persönlichkeit nicht zu haben, für Geld gar nicht. Wo aber Persönlichkeit und personalisiertes Umfeld fehlen, also fast überall in der Arbeitswelt der Geldmaschinen, bleiben nur Versorgungsfälle.

In den vergangenen Jahren lasen, hörten, sahen wir immer wieder ; Reportagen oder Insiderprotokolle von schauderhaften Verhältnissen waren das, Geschichten von Übergriffen gegen wehrlose Patienten, von Gewalt und elendem Siechtum, von einsamem Absterben in sterilen oder verwahrlosten Häusern, wo überfordertes, unterbezahltes Personal menschliche Zuwendung durch forsche Sprüche und gnadenlose Routine ersetzt. Man mochte es nicht mehr lesen, hoffte zugleich inständig, dank eigenen familiären Rückhalts oder hinreichender finanzieller Vorsorge nicht auf einer solchen geordneten Deponie zu enden.

Da die Kinder längst im selben Tretrad des Sich-unabhängig-Machens mindestens ein Drittel ihres Lebens zubringen, also mit ihrer eigenen Entsorgung beschäftigt sind, haben sie natürlich keine Zeit, leidende Eltern zu betreuen, Dasselbe gilt – in unterschiedlich an Gewissensnöte gekoppelter Form – für Enkel, Geschwister, Freunde, Kollegen, … kurz: die ganze menschliche Umgebung. Jeder einzelne und alle zusammen wären mit der Pflege eines Dementen überfordert. Klar. Und deshalb sterben sehr, sehr viele von uns satt und sauber, aber sehr einsam.

Es fehlt uns an menschlicher Zuwendung, nicht an elektronisch gesteuerten Rollstühlen, Hör- und Sehhilfen, Prothesen, barrierefreien Internetseiten. Es fehlt uns an nachhaltigem, verlässlichem Zusammenhalt. Die sind unbezahlbar, um die muss man sich lebenslang selber bemühen, indem man Gefühlsbindungen wichtiger nimmt als Sachwerte, Rituale der Vertrautheit wichtiger als Höchstleistungen. Ein Heimaufenthalt wird dann immer noch nicht schön, aber man erhält bestimmt Besuch, der einen im Rollstuhl herumfährt, einen umarmt, bei den Händen hält, mit einem redet. Für das letzte Quäntchen eigenen Vermögens (also der Fähigkeiten, nicht des Geldes) findet sich in jedem Heim noch eine erfüllende Aufgabe, auf die man trainiert ist: die einen von Sachen unabhängig macht, nicht von Menschen. Vielleicht ändern sich dann sogar die Heime.

Großmutter 1989

Uneitles Vorbild, Erzieherin für drei Generationen, 86 Jahre alt

Dankeschön für Hilde

Beim Unterricht mit Schauspielstudenten

Hilde Buchwald an der Berliner Schauspielschule


Als ich für SWR 2 „Leben“ mein Feature „Das leibliche Gedächtnis – wie unser Körper sich erinnert“ produzierte, verdankte ich einiges Hintergrundwissen, vor allem aber eigene Körpererfahrung meiner Bewegungslehrerin am Regieinstitut in den Jahren 1975 bis 1978. Hildegard Buchwald-Wegeleben erweckte in uns Studenten Körpergefühl und Körperbewusstsein. Dass unsere Erinnerung – vor allem die an soziale Interaktion – tief verwurzelt ist und sich durch die Arbeit des Schauspiels auf eindrucksvolle Weise eine eigene Welt auf der Bühne und im Film erschafft, habe ich erst viel später verstanden. Heute führt diese Erkenntnis zu völlig neuen Möglichkeiten in der Psychotherapie.
An solchen Entwicklungen sind immer viele Menschen beteiligt, wenige prägen sich so nachdrücklich ein wie Hilde. Sie half mir auch, die psychische Konstitution zu entwickeln, mit denen ich Konflikte – etwa nach dem „Fall Biermann“ – am Rande der Exmatrikulation überstand. Am Ende des Jahres 2010, da mit „Babels Berg“ auch Gustav Horbels Weg zum Theater veröffentlicht ist, sage ich Hilde noch einmal von Herzen Dankeschön.

Traumsterben

Felsen in Baden-Baden

Steter Tropfen höhlt den Stein ...


„Meine Liebste“, presste Gustav Horbel heraus, „jeder sieht, dass wir beide unzufrieden sind. Vielleicht liebst Du mich so wie ich Dich, vielleicht sogar noch mehr, wir wünschen uns beide nichts inniger, als miteinander glücklich zu werden. Was uns daran hindert, sind in Deinen Augen meine Unzulänglichkeiten, ich aber bin nicht mit Dir unzufrieden, sondern mit der Welt. Das ist schlimm, weil Du in dieser Welt zufrieden leben könntest, gäbe es nur meine Unzulänglichkeiten nicht. Du müsstest mich erziehen. Ich liebe Dich. Mir würde nie einfallen, Dich erziehen zu wollen. Aber ich will auch nicht von Dir erzogen werden.“
(Aus Kapitel 2 im „Raketenschirm“)

Siegertyp

Aus einer Annonce in der „B.Z.am Abend“, Ostberlin Ende August 1985:

„Achtung! Torsten, 22/182, dkl.-blond, s. sportl., s. schlk., ehemal. Leistungssportler (Leichtathlet), m.-l. WA [bedeutet marxistisch-leninistische Weltanschauung – I.S.], künftiger Schauspielstudent, selbst., aufrichtiger, s. feinfühliger, expressiver romantischer Berliner, recht unkompliziert, unbed. zuverlässig, ehrlich, s. humorvoll, unabhängig, unternehmungslustig, willensfest! – sucht s. freundschaftl., zuverläss. u. sympathischen, soliden, gleichinteressiernden, persönl. wietumfassenden Briefwechsel(zwichen Anfang/Mitte 20 bis Mitte/Ende 30jährig bevorzugt!) – Interessen: Leichtathletik, Wassersport, Tennis, Reiten, Medizin, militär. Berufe, klassische und rockige moderne Musik, zudem besonders Theater/Film, Kino, Kunst, gute Bücher, Porträtfotogr., Fotografik, Natur, Reisen/Autotouristik u.v.a.m. Warte auf ernstgemeinte, aussagekräftige Antwort, (Chiffre … )“

Wer hätte da nicht zugreifen wollen – bei so einem makellos perfekten Romeo aus der Kaderschmiede … Sowas gab’s nur im „real existierenden Sozialismus“.