Wer hat Angst vor Liz Taylor?

"Who's Afraid fo Virginia Woolf?". 1966

Image aus "Who's Afraid fo Virginia Woolf?" 1966 by thefoxling via Flickr

Foto aus dem Jahr 1981 von Alan Light bei Wikipedia

Foto aus dem Jahr 1981 von Alan Light bei Wikipedia

Sie war ein Star, sie erfüllte alle Wünsche ihres Publikums, einschließlich derer nach privaten Skandalen und Tragödien. Ich gestehe offen, dass mich Elizabeth Taylor nicht anzog, schon deshalb, weil sie ihre Egozentrik, ihre Divenhaftigkeit vor sich hertrug wie kaum eine andere Schauspielerin. Das spricht gegen meine Kompetenzen als Regisseur: einer wie Liz Taylor muss man gewachsen sein. Um so mehr bewunderte und bewundere ich, was in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ dank Liz Taylor und ihrem Mehrfach-Ehemann Richard Burton filmisch aus Edward Albees Ehedrama wurde: ein Exempel für Konfliktmuster nicht nur in Ehen.
Es war insofern kein Zufall, dass sich schon im ersten Kapitel zu „Der menschliche Kosmos“ ein Hinweis auf Theaterstück und Film findet.
Liz Taylors Leben ist eine Wanderung durch strahlende Landschaften und schmutzigstes Elend. Sie ließ uns das spüren, wenn sie spielte. So ist sie unsterblich geworden.

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Alltag, Tod und Traum

Pest, Cholera, Angestellt
Kann einer heute noch Balladen schreiben? Schillersches Pathos hilft sicher nicht weiter, aber wo steht geschrieben, dass Balladen nicht schräg, komisch, bissig sein dürfen?
Moral ist nicht mehr unbedingt Ansichtssache angesichts kollabierender Geldmaschinen, staatlicher Hehlerei, massenhafter Fürsorge als Milliardengeschäft. Moral könnte dem Überleben dienen.

Banalama (Ostberlin 1985)

12
Frau Warum bist du nicht gestorben. Warum bist du wieder hier. Ich will leben, ich will
auch an mich denken. Ich will nicht hier herumhocken und Windeln waschen, ich
bin jung. Geh zu deinem Vater, zu deinem feinen Papa, da kannst du dich breit
machen, scheiß ihm auf seine Autopolster, aber lass mich leben.
Kind 2 Papa, Papa.
13
Frau, Fürsorgerin
Frau Ich gebe sie nicht in ein Heim.
Fürsorgerin Aber es wäre das Beste. Ihr Vater sagt, Sie kümmern sich zu wenig. Der Junge
hatte Untergewicht. Sie arbeiten auch unregelmäßig.
Frau Die Kinder sind oft krank.
Fürsorgerin Und Sie gehen nachts aus.
Frau Den Kindern fehlt nichts.
Fürsorgerin Nein? Die Nachbarn haben Ihren Vater holen müssen, als Ihr Sohn schwer krank
war. Lungenentzündung. Das Kind schwerkrank, und die Mutter geht nachts aus.
Frau Es kommt nicht wieder vor.
Fürsorgerin Es geht so nicht weiter. Ihr Betrieb beklagt sich. Sie fehlen zu oft.
Frau Die Arbeit strengt mich zu sehr an. Und der Haushalt.
Fürsorgerin Nicht sehr ordentlich bei Ihnen.
Frau Den Kindern fehlt nichts.
Fürsorgerin Sie sind doch noch jung. Warum suchen Sie sich nicht wenigstens einen Freund,
jemanden, der für Ordnung sorgt.
Frau Die Scheißkerle wollen alle nur eines. Wenn sie haben, was sie wollen, hauen sie
ab. Wer will schon eine Frau mit Kind. Mit zwei Kindern.
Fürsorgerin Wenn Sie kein geordnetes Leben führen wollen, müssen wir die Kinder ins Heim
einweisen. Sie haben doch ein ordentliches Elternhaus. Warum verstehen Sie sich
nicht mit Ihren Eltern.
Frau Scheiße.
Fürsorgerin Wenn Sie nicht verstehen wollen, müssen wir die Kinder ins Heim einweisen.
Frau Nicht ins Heim. Ich gebe sie nicht in ein Heim.
14
wie 1 und 2 usw. usf.
15
Richter (verliest die Urteilsbegründung für die Frau — lebenslänglich wegen Mordes am 2. Kind)
Ende

Banalama (Ostberlin 1985)

11
Vater der Frau, Frau, Sandra
Vater Wo warst du?
Frau Wieso? Wieso bist du hier?
Vater Ich musste den Jungen ins Krankenhaus bringen. Wo kommst du her jetzt?
Frau Wieso, was ist mit dem Jungen?
Vater Ich will wissen, wo du herkommst!
Frau Wo ist das Kind?
Kind Mama.
Frau Nicht du. Wo ist Jonas?
Vater Wenn d nicht redest, siehst du den Jungen nicht wieder. Ich sorge dafür, dass er in
ein Heim kommt. Die Fürsorge weiß schon Bescheid. Also: Wo hast du dich
herumgetrieben?
Frau Lass mich in Ruhe. Sandra, wo ist dein Brüderchen?
Vater Du elende Hu… mit Ausländern treibst du dich rum! Willst du endlich reden!
Rede, sag ich dir, los, rede! (schlägt sie)
Frau (schreit)
Kind (schreit)
Vater Das will meine Tochter sein. Abschaum. Aber dir zeigen wir es. Dich werden wir
noch erziehen. Wir sind schon mit anderen fertig geworden.
Frau Bullenschwein. Scheißstasi. Kommunistensau. Wo ist mein Kind, du Nazi.
Vater Das wird dir noch leid tun.

Banalama (Ostberlin 1985)

9
Blonde, Frau, einige Zeit nach der Geburt des zweiten Kindes
Blonde Kommst du mit?
Frau Der Kleine ist krank.
Blonde Kann die Große nicht aufpassen?
Frau Sie ist zu klein. Erst drei.
Blonde Die beiden Bundis kommen heute wieder.
Frau Es geht nicht. Er hat Fieber. Vielleicht nächste Woche.
Blonde Mist. Dann muss ich allein gehen.
Frau Vielleicht kann ich nächste Woche wieder.
Blonde Der Kleine ist oft krank.
Frau Ich hätte mir von dem Schwein nicht noch ein Kind machen lassen sollen. Die
Große kann ich allein lassen.
Blonde Schließlich hast du ein Recht auf dein eigenes Leben. Also ich geh dann.
Frau Warte noch. Ich komme mit.
10
Zwei Bundis singen das Lied von Ramona Raffzahn

Banalama (Ostberlin 1985)

8
Mann, Frau, Fernsehen, zum Schluss das Kind
Mann Wo kommst du jetzt her?
Frau Wo soll ich herkommen?
Mann Weißt du, wie spät es ist?
Frau Nein.
Mann Das Kind hat die ganze Nacht geschrieen. Wo warst du?
Frau Aus.
Mann Wo mit wem? Wo warst du aus? Du bist schwanger.
Frau Ich bin müde.
Mann Ich will wissen, was los ist.
Frau Lass mich, sonst schreit das Kind wieder.
Mann Ja. Es ist dein Kind und du treibst dich rum. Schwanger. Ich will wissen, was los
ist.
Frau Nichts. Du bleibst oft genug weg.
Mann Ich habe auch kein Kind.
Frau Nein. Für die Scheiße bin ich da. Für das Kind, für den Haushalt, fürs Bett. Wenn
du keine Lust hast, haust du ab. Dir ist alles egal. Ich bin dir egal, dein Kind ist dir
egal, sogar dein eigenes. Ich will auch noch etwas von meinem Leben haben.
Mann Und wer schafft hier die Kohle ran? Du? Du kannst doch nichts. Wer bist du
schon. Rumtreiben, das kannst du. Die Beine breit machen für andere. Wer weiß,
ob das Kind von mir ist.
Frau Du Schwein.
Kind (schreit)