Gustav Horbel und das Überschreiten von Grenzen

Teil 1 der Weblesung zu “Babels Berg”

Im November 1969 macht der Physikstudent Gustav Horbel seltsame Beobachtungen auf einer Fahrt mit der S-Bahn zwischen Berlin-Lichtenberg und Alexanderplatz. Er beginnt, über die Absichten hinter Landkarten nachzudenken.

Wenn sie Lust auf mehr haben – hier kommt die Fortsetzung:

Teil 2 der Weblesung zu “Babels Berg”

Falls Sie interessiert wie’s einem Währungsspekulanten in Ostberlin gehen konnte, dann sehen Sie sich Teil 3 an.

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Ein Berliner Währungsspekulant

Währungsspekulanten gibt’s nur im Kapitalismus, klar. Das weiß der Sozialist. Gustav Horbel, Physikstudent, wurde vor Weihnachten 1969 mitten im Sozialismus eines anderen belehrt – er glaubt seither alles Mögliche, aber nicht mehr an Knecht Ruprecht, selbst wenn er in Gestalt von La Wafonknecht erscheint.
Text aus „Babels Berg“, Teil 2 der Romantrilogie „Wolkenzüge“

August

augustrose

Lange her – 1978: ein romantischer Sommer, in dem eine große Liebe zerbrach. Ein Stachel von Schuld und Scham blieb – und ein Gedicht.

 

Auf Rosenblättern, weit entfalteten
Liegt Tau. Die Sonne ist
Von sanftem Gold am Morgen und der Wind
Blättert die Bäume auf am Mittag:
Der Sommer neigt sich. Liebe schwand
Gleich mattem Grillenton und welken Blüten
Und ward Erinnerung. Es naht die Zeit
Der vielen Farben wieder, jeden Jahres Grün
Besiegend. Knisternd brennt
Die Zeit hinweg, selbst gleichend so dem Laub
Das sie erschuf und wegnahm.

Nicht ewig selbst die Sonne, sehen wir
Von braunen Menschenkörpern aufgezehrt
Verschönt ihr Glanz nur kurz, als Seelenglanz
Bleibt weniger noch, als Seife von der Haut wäscht.

Was hoffte ich? – Des Winters lange Sehnsucht
Ist Unrast nur des Sommers. Voller Hast
von Lärm erfüllt lauschte ich sehr nach Stille.

Kann sein – ich hab sie einfach überhört?

 

Schreibe, um zu überleben – Déjà-vu!

 

Es war 1985. Mein Versuch, ein Off-Theater in Ostberlin, damals Hauptstadt der DäDäÄrr zu gründen, war von der Behörde verboten worden.

Spinner, Staatsfeind – frei auf eigene Rechnung

Im Tagebuch vom 29. Juli steht:

"Das Gefühl ABSOLUTER SCHUTZLOSIGKEIT als einziger Beleg (und Preis) für moralische Integrität – wie lange hält man das aus?
Entsetzlich: dieses Verwundern der Leute, dass man nicht konform geht, dass man nicht bereit ist, den Preis für Wohlstand und Erfolg zu zahlen. Sie achten – respektieren – nur den ERFOLGREICHEN Künstler, nicht den Künstler. Sie nehmen, was sie zur Selbstbestätigung brauchen und bemerken nicht den Selbstbetrug. (Wie sich unsere Gesellschaft in ihren Elitekünstlern selbst betrügt). Was für eine Verantwortung für die wirklich Großen: Widerstand über jede Koketterie hinaus!”

Das ist – Kernfragen von Uwe Tellkamps "Turm", dem 2008 mit dem Deutschen Buchpreis bedachten Roman um 23 Jahre vorwegnehmend – ein Kommentar besonderer Art … Und dann fragt sich der nach Hinauswürfen und Verboten zur Untätigkeit Verurteilte, was bleibt:
"Das Wenige, das ich mir auferlege, ist meiner Angst geschuldet, …, die Konfrontation suchen, um nicht vereinnahmt zu werden, …, Leiden, um unempfindlich zu werden (wie unempfindlich bin ich schon?)."
Dann aber steht da mit roter Tinte:
"Verweigerung als die bequeme Möglichkeit, sein Teil Schuld nicht tragen zu müssen?"
Was für eine bizarre Frage angesichts der Tatsache, dass die an Brutalitäten und Rechtsbrüchen Schuldigen sich damals wie heute erfolgreich ihrer Verantwortung entziehen!

Eintrag im Gipfelbuch von „Babels Berg“

Die Germanistin Dominique Wendland-Stindel kennt sich, da sie aus Frankreich kommt, in der deutschen wie französischen Literatur aus; unser Gedankenaustausch bei „Leben Lesen“ und im freundschaftlichen Kreis ist äußerst anregend. Aus ihrer Feder hätte ich auch scharfe Kritik zu meinen Romanen dankbar entgegen genommen. Umso mehr hat mich gefreut, dass sie „Babels Berg“ mit Vergnügen gelesen hat.
Soviel sei nur verraten : Sennewalds „Babels Berg“ ist viel, viel mehr als die (erwartete) Schilderung einer Jugend in der DDR der 60er und 70er Jahre. Es sind die beispielhaften, mal umwerfend komischen, mal bedrückenden, aber immer mitreißenden Lehrjahre eines neuartigen Candide namens Gustav Horbel. Er, der Physikstudent in Ostberlin, ist Zeuge und Akteur einer Fülle von Ereignissen und Entwicklungen, die ihn – und uns Leser – manchmal bis zu der Frage bringen könnten, ob die Welt ( nun ja, die damalige … ) doch nicht etwa eine Scheibe sein könnte. Eine sich ewig drehende oder ins Unendliche fliegende, versteht sich.

Mit welcher Chuzpe der Physiker Sennewald für den Augenblick eines folgenschweren Diskuswurfs die Naturgesetze ausser Kraft setzt, ist eines Mikhail Bulgakow oder eines Georges Méliès würdig. Und auch der „Überhorbel“ als freudscher Schutzengel sei hier erwähnt als ein Beispiel für die vielen augenzwinkernden Jubelmomente, die den Leser reichlich belohnen.

Sollte ein Kinoliebhaber – etwa aufgrund des Titels – einen Rückblick auf die berühmte Potsdamer Filmfabrik erwarten, so wird er hier Anderes, aber auch viel Besseres finden – nämlich ein filmreifes Drehbuch in der Gestalt eines sprachlich eleganten Romans : verblüffende Bildmetaphern, spritzige Dialoge, skurrile bis hinreißende Akteure, einen temporeichen Szenenwechsel, einen hintergründigen, niemals menschenverachtenden Humor. Dem Autor ist ein erstaunlicher Grenzgang , nicht nur zwischen Ost und West, sondern zwischen Fiktion und Realität, Dichtung und Naturwissenschaft, Satire und Information glänzend gelungen. Diese fulminante “ Raumzeitreise“ durch Ost- und Westberlin um 1970 – und weit darüber hinaus – ist eine große Lesefreude, die ich jedem empfehlen kann.

Dankeschön für Hilde

Beim Unterricht mit Schauspielstudenten

Hilde Buchwald an der Berliner Schauspielschule


Als ich für SWR 2 „Leben“ mein Feature „Das leibliche Gedächtnis – wie unser Körper sich erinnert“ produzierte, verdankte ich einiges Hintergrundwissen, vor allem aber eigene Körpererfahrung meiner Bewegungslehrerin am Regieinstitut in den Jahren 1975 bis 1978. Hildegard Buchwald-Wegeleben erweckte in uns Studenten Körpergefühl und Körperbewusstsein. Dass unsere Erinnerung – vor allem die an soziale Interaktion – tief verwurzelt ist und sich durch die Arbeit des Schauspiels auf eindrucksvolle Weise eine eigene Welt auf der Bühne und im Film erschafft, habe ich erst viel später verstanden. Heute führt diese Erkenntnis zu völlig neuen Möglichkeiten in der Psychotherapie.
An solchen Entwicklungen sind immer viele Menschen beteiligt, wenige prägen sich so nachdrücklich ein wie Hilde. Sie half mir auch, die psychische Konstitution zu entwickeln, mit denen ich Konflikte – etwa nach dem „Fall Biermann“ – am Rande der Exmatrikulation überstand. Am Ende des Jahres 2010, da mit „Babels Berg“ auch Gustav Horbels Weg zum Theater veröffentlicht ist, sage ich Hilde noch einmal von Herzen Dankeschön.

Das Vergnügen, tief Luft zu holen

Blick auf Baden-Baden vom Annaberg

Welche Lust ... den Atem frei zu heben!


Am Mittwochabend stellte sich der Baldreit-Stipendiat Catalin Dorian Florescu den Baden-Badenern im Spiegelfoyer des Theaters vor. Sympathien erwarb er sich vor allem durch seine ehrliche und unprätentiöse Art, von der Arbeit des Schreibens zu sprechen, von der „Selbstbeauftragung“ als Risiko und Privileg eines Da-Seins, das nicht fremden Zielen nachjagen muss, sondern sich der eigenen Bestimmung in der Welt zu vergewissern sucht, indem es sich intensivstem Erleben mit anderen Menschen ausliefert.
Als Anlass fürs Nachdenken über den Beruf reichte ein wackeliger Tisch.
„Mein Tisch wackelt eigentlich immer“, meinte Catalin. Dass das Vertrauen auf vermeintlich sicheren Boden unter den Füßen sich selten einstellen will, ist eine für Autoren so alltägliche wie unerlässliche Erfahrung: die Angst, dem Anspruch ans Schreiben nicht zu genügen, das Publikum nicht zu erreichen, ist immer da. Dass nur wenige Schriftsteller von ihrer Arbeit auskömmlich leben – es sind nicht einmal die Besten – hat aber Catalins Entscheidungen zum Schreiben ebensowenig infrage gestellt wie meine.
Der gebürtige Rumäne und der Thüringer teilen – trotz des Altersunterschiedes von 17 Jahren – noch eine spezielle Ansicht: die Verantwortung fürs eigene Denken und Tun lassen wir uns von totalitärer Staatsgewalt so wenig nehmen wie vom Konformitätsdruck des Quotenwahns.
Dafür durfte ich heute wieder für zwei Stunden einfach um die Bäderstadt herumwandern, tief Luft holen und mich daran freuen, wie sogar der November schön ist.