November

IMG_20151101_135739_1Allerseelentag. Die letzten Farben verschwimmen im Nebel. Zeit fürs Erinnern: "Was man besaß, weiß man, wenn man’s verlor… und der November trägt den Trauerflor." Sagt Erich Kästner, und "Wer noch nicht starb, dem steht es noch bevor." Das verstehe ich als ironische Aufforderung, die gezählten Tage zu nutzen.

Auf dem Friedhof blüht unterdessen das Leben: Rosen und Chrysanthemen leuchten, Amseln spektakeln, ein Zaunkönig verspeist genüsslich ein Insekt. Übergänge von Schönheit und Schmerz, Leben und Tod – fern aller "Dringlichkeiten". Ich denke an “Selige Sehnsucht”, Goethe schrieb das, als er in meinem Alter war, 1815, und an die “Marienbader Elegie” acht Jahre später – darin er, der Greis, von einer verzweifelten Liebe zu einer 18jährigen Abschied nimmt. Für die einen letzter, persönlichster Höhepunkt seiner Lyrik, für de anderen “aufgeplustertes hohles Stroh” und “ekelhafte Wichtigthuerei” (Otto Erich Hartleben). Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie die Genderbewegten beiderlei Geschlechts das heute kommentieren.

 

Goethes Elegien

Den Schmerz lass ein. Er sagt: „Du lebst noch, Alter“,

Sagt, „lass mich ruhig an deiner Seite sein

ich bin für die gezählten Tage dein Verwalter

wenn ich dich stör, betäube mich mit Wein.

 

Es sei ein Bündnis gegen’s frühe Sterben,

gegen den Wunsch zu gehen vor der Zeit.

Ich mache Dich zum letzten Flug bereit

Wie den am Kerzenlicht verbrannten Falter.“

 

Lass ein den Schmerz, lass Dir den Becher reichen

Der ein für alle mal erprobt dein Sehnen

Hältst Du nicht stand, welkst Du dahin mit jenen

Die greinend sich aus trübem Dasein schleichen.

 

Du musst ihn wollen, diesen Weg ins Helle

Der ohne Leiden nicht zu finden ist

Lass ein den Schmerz, verstrichen ist die Frist

Mach einmal noch aus Qualen eine Quelle.

 

Fühl, wie die Träume eggen deinen Leib

Die Haut aufs Blut zu schinden sei dir Zeitvertreib

Streu Würze des Verzichts ins bloße Fleisch

Ertrag noch stumm am Pranger das Gekreisch

Ein letztes, engstes Band von dir zum Weib

Hüll dich in letzter Worte dunklen Sinn

Dann wirst du still. Dann nimmt der Schmerz dich hin.

IMG_20151101_135652_1

Advertisements

Alters Freuden

2012-07-02 13.04.19cut

Bild und Gedicht entstanden im Sommer 2012 am Bodensee. Da das Wetter gerade passt, manches Mediengegacker auch, fand ich’s passend

Insektengleich such ich die letzten Strahlen
Das Haar erbleicht, die Brillengläser dick
Der Biss, verstärkt durch künstliche Gebilde
Darf mühsam kaum den Pfeifenstengel halten:
Ich glaube, ich gehör jetzt zu den Alten.

Den Apfelsaft verbessre ich mit Gin
Und freue mich, werd ich nicht drum gescholten
Die Welt, die wir total verändern wollten –
Ich nehme sie normalerweise hin.

Trotzdem wüsst ich so gern noch manches besser
Und freute mich am Wunder der Vernunft
Stattdessen freu ich mich, muss ich nicht unters Messer
Und meide gern die Apothekerzunft.

Ich freue mich an meiner Menschenferne
Am Lauf des Mondes und am Sternenlicht
Börsen und Fußball int’ressiern mich nicht
Doch hübsche junge Frauen seh ich gerne.
Dann freu ich mich, dass ich – der Balz enthoben –
mich ihnen in die Wäsche mogeln kann:
Ein Faun aus Spinnweb, ein vernetzter Mann
gedankenschnell in ihre Lust verwoben
Freu mich, dass meine Phantasie nicht altern kann.

Eros

IMG_0069

Lange her, dieser Versuch aus dem Jahr 1980, aber doch vom Stoff, aus dem Romane werden …

 

Eros naht auf leichten Flügeln
In des Abends Dämmerdunkel
In den matten Morgennebeln
Auf der Sonne sanften Strahlen.
Lächelnd streicht er deine Lippen
Die sich wölben unterm Finger
Und in deinen Augen wieder
Sammeln sich die munteren Funken
Nie vernahmst du seine Stimme
Doch du fächelst seine Sprache
Sprechend mir die Nacht voll Träume
Breitest seinen Flügelmantel
Und die Schenkel angestemmt
Gegen deine, seine Kräfte
Fühle ich den Boden schwinden.