Liebeserklärung für eine Musikerin

Aus einem Konzert der polnischen
Akademia Filmu i Telewizji

Wie gerne schrieb ich alle meine Träume
Und Wünsche in ein einziges Gedicht
Für Dich. Doch könnte ich es, fändest Du es nicht.
Zu eng, zu fern sind unserer beider Räume.

Was Liebe werden will, muss sich entgrenzen
Muss Universum sein, und sich verlieren
und aneinander klammernd seine Schwere spüren
Kernkraft und dunkle Energie und alle Divergenzen.

Dafür lässt uns Geschäftigkeit nicht einen Takt
Nanosekunden scharf gestellter Uhren
Wir rechnen Liebesaugenblicke aus wie Huren
Glück wird in Freizeitfolie eingepackt.

Doch spielst du – fremde Liebste – Sinfonien
Im Kreis beglückter, hingegebener Meister
Schau ich in Dein Gesicht, entfliehen
Die hässlichen, vom Alltagszwang beherrschten Geister.
Hör ich Dir zu, ist es wie mit Dir tanzen
Mein Leben wird erwünscht, erträumt zum Ganzen.

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November

IMG_20151101_135739_1Allerseelentag. Die letzten Farben verschwimmen im Nebel. Zeit fürs Erinnern: "Was man besaß, weiß man, wenn man’s verlor… und der November trägt den Trauerflor." Sagt Erich Kästner, und "Wer noch nicht starb, dem steht es noch bevor." Das verstehe ich als ironische Aufforderung, die gezählten Tage zu nutzen.

Auf dem Friedhof blüht unterdessen das Leben: Rosen und Chrysanthemen leuchten, Amseln spektakeln, ein Zaunkönig verspeist genüsslich ein Insekt. Übergänge von Schönheit und Schmerz, Leben und Tod – fern aller "Dringlichkeiten". Ich denke an “Selige Sehnsucht”, Goethe schrieb das, als er in meinem Alter war, 1815, und an die “Marienbader Elegie” acht Jahre später – darin er, der Greis, von einer verzweifelten Liebe zu einer 18jährigen Abschied nimmt. Für die einen letzter, persönlichster Höhepunkt seiner Lyrik, für de anderen “aufgeplustertes hohles Stroh” und “ekelhafte Wichtigthuerei” (Otto Erich Hartleben). Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie die Genderbewegten beiderlei Geschlechts das heute kommentieren.

 

Goethes Elegien

Den Schmerz lass ein. Er sagt: „Du lebst noch, Alter“,

Sagt, „lass mich ruhig an deiner Seite sein

ich bin für die gezählten Tage dein Verwalter

wenn ich dich stör, betäube mich mit Wein.

 

Es sei ein Bündnis gegen’s frühe Sterben,

gegen den Wunsch zu gehen vor der Zeit.

Ich mache Dich zum letzten Flug bereit

Wie den am Kerzenlicht verbrannten Falter.“

 

Lass ein den Schmerz, lass Dir den Becher reichen

Der ein für alle mal erprobt dein Sehnen

Hältst Du nicht stand, welkst Du dahin mit jenen

Die greinend sich aus trübem Dasein schleichen.

 

Du musst ihn wollen, diesen Weg ins Helle

Der ohne Leiden nicht zu finden ist

Lass ein den Schmerz, verstrichen ist die Frist

Mach einmal noch aus Qualen eine Quelle.

 

Fühl, wie die Träume eggen deinen Leib

Die Haut aufs Blut zu schinden sei dir Zeitvertreib

Streu Würze des Verzichts ins bloße Fleisch

Ertrag noch stumm am Pranger das Gekreisch

Ein letztes, engstes Band von dir zum Weib

Hüll dich in letzter Worte dunklen Sinn

Dann wirst du still. Dann nimmt der Schmerz dich hin.

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Letzte Blüten

OrchideeWikiDas Gedicht spielt auf Georg Trakls „Romanze zur Nacht“ an.

Es erschien vor 100 Jahren, am Ende einer Epoche, die von mit besonderer Sensibilität Begabten wie Trakl als Vorabend katastrophaler Ereignisse wahrgenommen wurde.

 

 

 

Einsamer im Orchideenfeld
Suchst unter Blüten dein Herz zu retten
Wünschst, dass ein Wunder vom Himmel fällt
Defibrillator gegens Sterben in Betten
Hoffst auf Bestand für die Liebesträume
Auf deiner Bindungen Rekonvaleszenz
Leugnest die Macht der irdischen Trends
Mustermänner bevölkern die Räume.
Horch nur: die Elstern bekrächzen dein Scheitern
Horch nur: Klatschkanäle filtern dich aus
Horch nur: der Mob umstellt schon dein Haus
Sieh nur: die Wunden beginnen zu eitern.

Einsamer, nun schärfe dein Messer
Trenn dir die müden Triebe ab.
Die Orchideen nimm als Schmuck für dein Grab
Du weißt: In Freiheit stirbt es sich besser.