Opas Tabakspfeifen (3)

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Die Wirkung schlug schon nach wenigen Minuten durch: Mir wurde kotzübel, mein Darm entlud sich explosiv, die Zeitungsseiten wurden knapp. Falls Ihnen Einsteins Formel „Energie ist gleich Masse, multipliziert mit dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit“ geläufig sein sollte, können Sie gern mal überschlägig berechnen, wieviel Megawattstunden auch nur ein Pfund Fäces bei annähernd Lichtgeschwindigkeit einer Abortgrube zuführen. Na gut, das 200 Jahre alte Fachwerk überlebte die Attacke, ich kroch danach, klapprig wie ein Gespenst aus dessen Gründerjahren, die Treppen hinauf ins Bett meines Jugendzimmers. Dort erfuhr ich wenig später Hohn und Spott meiner Mutter. Der Tabubruch war – dank der wirklich schauderhaften Note von Onkel Walters Resteknaster – unüberriechbar. Als Urheber kam nur ich in Frage. Meine berufstätige Mama, selbst starke Raucherin von ca. 20 filterlosen Zigaretten täglich, amüsierte sich königlich über den schwächelnden Einfaltspinsel, der gern ein großer Mann mit Pfeife sein wollte.

„Wenn der Oppa wüsste, was für einen Dreck du geraucht hast, würde er sich im Grab herumdrehen. Hättest dir ein paar von meinen Zigaretten nehmen sollen statt den alten Geizhals zu beklauen.“

„Das sagst du jetzt. Beim nächsten Mal frage ich dich.“

„Fang den Quatsch gar nicht erst an. Dass ich mir‘s abgewöhnen will, weißt du.“ Natürlich fiel mir sofort die verlorene Wette zu meinem fünften Geburtstag ein. Es ging darum, dass ich mir endlich den Schnuller abgewöhnen sollte. Meine Mutter gelobte, keine Zigaretten mehr anzufassen, falls ich auf den Nuckel verzichtete. Wetteinsatz war ein Roller. Ich bekam ihn. Womöglich war der Griff nach Opas Pfeife die späte Rache für den Entzug wohliger Nuckelei – darüber sollte ein Psychoanalytiker befragt werden. Der Dreizehnjährige erwiderte seiner Mutter jedenfalls hämisch:

„Wir könnten zu meinem Geburtstag um ein Fahrrad wetten, dann lasse ich‘s.“ Nur für einen winzigen Moment blieb ihr die Spucke weg.

„Hör zu, Freundchen. Du wirst dem alten Geizhals noch sehr oft um den Bart gehen müssen, bis du sechzehn bist. Wenn er bis dahin nicht abgekratzt ist und genug rausrückt, dann darfst du dir ganz offiziell einen genießbaren Tabak kaufen. Genießbaren. Rauchen ist nämlich eigentlich ein Genuss. Abfall zu verbrennen ist eine Sauerei, das wusste sogar Tante Martha. Die frigide Schachtel war zwar genauso geizig und bösartig wie ihr Herr Gemahl, dieser Schweinigel, aber eben darum: Kein Rauch im Klo!“

„Dass er bösartig und geizig ist, merke ich beim Schach spielen, aber wieso Schweinigel?“

Meine Mutter kicherte und zündete – das hatte sie vorher nie getan – direkt neben meinem Bett eine Zigarette an.

„Der alte Knabe war hinter allem her, was Röcke trug. Frag deine Großmutter. Als sein kleiner Bruder gestorben war, konnte er sich gar nicht oft genug nach dem Befinden seiner Schwägerin erkundigen. Und da lebte seine Martha noch.“

„Hm. Na ja, wenn sie doch frigide war. Eine Schönheit war sie wirklich nicht.“

„Sie war sogar fünf Jahre älter als er. Aber eine gute Partie. Ihr Vater hat ein großes Mietshaus in Berlin samt komplett ausgestatteter Herrschaftswohnung in der Beletage als Mitgift auf den Hochzeitstisch gelegt.“

„Rechnen kann Onkel Walter. Das habe ich beim Schachspielen gemerkt.“

Jetzt lachte meine Mutter lauthals los.

„Dieses tolle Schachspiel. Echt Elfenbein. Gehörte auch zur Mitgift. Er hat mit allen gespielt und immer gewonnen — soweit ich weiß. Weiß ich was? Mein Vater hat behauptet, Walter und Marthas Vater hätten die Konditionen für die Ehe beim Schachspielen ausgehandelt. Vermutlich war’s wirklich so. Eine weiße Ehe. Als Martha gestorben war, hab ich sie gewaschen. Dein Onkel Walter stand daneben und hat gesagt: ‚Ja, meine gute Martha, du bist nun also wirklich als Jungfrau gestorben’. Ich dachte, ich höre nicht recht. Die haben fast vierzig Jahre zusammen gelebt und er hat sie nicht angerührt, nur um an die Mitgift zu kommen. Dann ist er jeder anderen Frau in Reichweite nachgestiegen. Dieser Lustmolch!“

Meine Mutter zerdrückte Onkel Walter – zusammen mit ihrem Ex-Mann – im Aschenbecher. Hätte sie mich nicht zur Welt bringen müssen, wäre aus ihr vielleicht eine berühmte Malerin geworden – aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. Die Sache mit der weißen Ehe und das verkniffene Gesicht von Tante Martha am Fenster, wenn sie uns Kinder ankeifte, weil wir ihren Mittagsschlaf störten, gingen mir nicht mehr aus dem Kopf.

In der Folgezeit unternahm meine Mutter einiges, Opas Pfeifen zu entsorgen und mir das Rauchen auszureden. Es hat nichts genützt. Ich wollte sein wie Einstein. Als ich sechzehn wurde, befugt, in dieser Angelegenheit selbst zu entscheiden, kaufte ich mir eigenes Gerät und anständigen Tabak – soweit das in der DDR möglich war. Einer von Opas alten Knastermeilern hat als Andenken überlebt, während meine Lust an friedlich glimmenden, duftenden Mischungen aus aller Welt niemals schwand. All die schauderhaften, Schrecken erregen sollenden Bildchen auf Zigaretten- und Zigarren-Verpackungen, alle Mahnungen auf Tabaksdosen, dass Rauchen tödlich sei, bewirken bei mir nur zweierlei: Ich stelle mir Leute, die so viel Missvergnügen in die Welt setzen, unvermeidlich wie Tante Martha vor. Und ich frage mich, was alles ihnen fehlt, um wenigstens ab und zu mal so sympathisch zu wirken wie der Raucher Einstein.

Ende

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Opas Tabakspfeifen (2)

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Bei Wilhelm Busch experimentiert Krischan mit Vaters Pfeife

Bei Wilhelm Busch experimentiert Krischan mit Vaters Pfeife

Ich muss etwa zwölf, dreizehn Jahre alt gewesen sein, als mir die Großmutter vorschlug, ihr bei der Pflege des damals achtzigjährigen Onkel Walter zu helfen. Ich sollte ihm mittels eines elektrischen Trockenrasierers alle drei Tage den Bart abnehmen. Meine Mutter war in dem „Volkseigenen Betrieb“ beschäftigt, der diese Apparate namens „Komet“ herstellte, einer davon wurde zu günstigen Konditionen erworben, ich lernte die Faltengebirge im Gesicht meines Onkels kennen, während ich mit oszillierenden Stahlkämmen durch weiße Bartstoppeln wanderte. Ich tat es nicht gern, aber es brachte mir 50 Pfennige ein, genug für Eiswaffeln – die Kugel kostete seinerzeit einen Groschen – und der Aufenthalt beim Onkel beförderte das Interesse am Rauch. Opas Pfeifen, leider vor allem die aus feinem, aber empfindlichen Meerschaum, waren fast alle frühkindlicher Lust am Auseinandernehmen erlegen. In einem unbeobachteten Moment füllte ich eine der überlebenden mit Zigarrenenden aus des Onkels Schachtel. Damit begab ich mich zu einem unbeobachteten Ort: dem Klo.

Die Tonleiter-Treppe im Weihnachtshaus kennen Sie ja schon. Auf dem Treppenabsatz – wir nannten ihn Podest – war die Tür zum „Klohäuschen“, einem Anbau ans 200 Jahre alte Fachwerk. Im Inneren durfte auf der Brille einer Sitzschüssel über einem Fallrohr Platz nehmen, wer seinen Darminhalt den Gesetzen der Schwerkraft anvertrauen wollte. Gelang es ihm, offenbarte das Geräusch aus der Tiefe den Sinn der Namensgebung fürs Häusel: Plumpsklo. Weitere Details erspare ich Ihnen. Strenge Winter wie vor 60 Jahren gibt es nicht mehr, Plumpsklos ebenso wenig, niemand muss mehr – wie meine Mutter seinerzeit – mit einem Eimer kochend heißen Wassers und einem mannshohen Knittel aus Buchenholz ein zugefrorenes Fallrohr freistochern.

Fachwerkhaus und Klo beim Abriss 1971

Fachwerkhaus und Klo beim Abriss 1971

Die Gravitationsgesetze gelten freilich noch in modernsten Sanitäranlagen, und – ob Sie‘s glauben oder nicht – in unserem alten Plumpshäusel war das Rauchen ebenso tabu wie heute in Flugzeug-, ICE- oder Behördentoiletten. Vermutlich lag das an Tante Martha, der Ehefrau von Onkel Walter. Sie war eine erbitterte Tabakfeindin. Zu ihren Lebzeiten hatte der Rentner niemals in der Wohnung rauchen dürfen. Er saß bei schönem Wetter auf einer Bank im Garten oder Hof, bei Regen und Dunkelheit bisweilen im Wirtshaus nebenan, öfter seinem Bruder Karl gegenüber am Schachbrett. Sie versuchten, sich gegenseitig matt zu setzen und meine Großmutter zu räuchern, aber die rheinische Frohnatur erwies sich als äußerst widerstandsfähig. Sie überlebte ihren Mann um vierzig, den Schwager um dreißig Jahre. Tante Martha war – ungeräuchert – lange vor ihrem Gemahl dahingeschieden, weshalb ich an seinen Bart und die abgeschnittenen Zigarrenenden kam. Sie verstehen jetzt auch den besonderen Reiz meiner Initiation als Pfeifenraucher auf dem Plumpsklo: Der Dreizehnjährige brach gleich zwei Tabus: Das Tabakverbot im allgemeinen und Tante Marthas Bann im besonderen.

Das erwies sich obendrein als Glücksfall: Als ich den ersten der schönen Meerschaumköpfe gestopft hatte, fiel mir ein Zeitungsfoto ins Auge. Sie müssen wissen, dass Toilettenrollen in uns geläufiger Form seinerzeit in der DDR unbekannt waren. Wir hatten die Wahl zwischen einer auf Rollen gewickelten Sorte von mittelfeinem grauem Schleifpapier, das nicht in ausreichender Menge produziert wurde, und rechteckig zugeschnittenen alten Zeitungen, die den Mangel überbrückten. Möglicherweise war diese Knappheit sogar von Partei- und Staatsführung gewünscht, weil viele Leute – so wie ich – die Zeitungen noch einmal in die Hand nahmen und lasen, ehe die „Organe des Zentralkomitees der SED“ oder der SED-Bezirksleitungen den Weg übers Hinterteil nach ganz unten antraten.

Ulbricht-Briefmarke, genannt "Grünes Ungeheuer"

Ulbricht-Briefmarke, genannt „Grünes Ungeheuer“

Jeder – bis hinauf ins Politbüro mit dem Ersten Sekretär und Staatsrats-Vorsitzenden an der Spitze – wusste von diesem Alltagsritual. Nur öffentlich darüber zu reden, war tabu. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Aber so leuchtete immerhin ein, warum die Herren der Planwirtschaft nicht alles daran setzten, den Frevel an ihren staatserhaltenden Publikationen zu unterbinden, indem sie mehr, gar bessere Klorollen produzieren ließen.

Jenes Foto also, das mich für einige Minuten hinderte, die Pipe zu entzünden, es zeigte ein bekanntes Gesicht, einen schnauzbärtigen Mann von etwa 50 im eleganten Dreiteiler mit Schlips und Kragen. Die rechte Hand schließt sich um einen Pfeifenkopf, die Pfeife im rechten Mundwinkel, schaut er mit verschmitzter Miene an der Kamera vorbei. Sein graues Haar wuselt um den Kopf herum, als habe eine Hexe es durchwühlt. Es ist ein Opa-Gesicht. Im Text unter dem Bild lese ich: „Vor 30 Jahren kehrte der berühmte Physiker und Nobelpreisträger Albert Einstein Nazi-Deutschland endgültig den Rücken. Heute gehört er zu den Verbündeten im Kampf gegen den Atomtod“. Der zugehörige Artikel handelte von einem Buch über ihn, das gerade erschienen war, aber das interessierte mich nicht.

Ich wusste in diesem Moment nur eines: Pfeife rauchen ist großartig. Nicht wegen des Kampfes gegen den Atomtod, sondern weil dieser berühmte Einstein so sympathisch war in seinem eleganten Anzug, mit der wilden grauen Mähne und den Lachfältchen um die Augen. Er war ganz anders als der Physiklehrer und Schuldirektor mit Spitznamen Giftzwerg, der auf den Zehenspitzen wippte, mit dem Zeigefinger fuchtelte, Tadel an Unaufmerksame verteilte, wenn er bei uns unterrichtete. Einstein war wie mein Opa, seine Augen waren neugierig und gütig. Ich hätte gern sofort mit ihm um die Wette Kringel produziert. Also setzte ich Onkel Walters Zigarrenreste in Brand.

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Opas Tabakspfeifen (1)

OpasPfeife

Student in Stuttgart ca. 1906

Dass ich an Opas Tabakspfeifen geriet, war unvermeidlich. Sie hatten sein ganzes Leben lang zu ihm gehört, immer hatte er sich Tabak verschafft und geraucht, sogar in Kriegsgefangenschaft, in den Baracken eines Camps in der australischen Wüste. Das ist über hundert Jahre her. Mit dem Krieg traf er nur zusammen, weil 1914 ein britischer Kreuzer im Indischen Ozean das deutsche Handelsschiff „Rappenfels“ aufbrachte, in dessen Maschinenraum er als Ingenieur Dienst tat. Danach saß er 5 Jahre hinter Stacheldraht, weit genug weg vom Stacheldraht der Fronten und Schützengräben, er hatte Glück im Unglück. Viele seiner Mitgefangenen starben noch 1919 auf See an der spanischen Grippe, als sie auf einem heruntergekommenen russischen Dampfer namens „Kursk“ in die Heimat expediert wurden. Dort gab es für den Schiffsingenieur Karl keine Zukunft, denn die Handelsflotte hatten die Briten als Entschädigung übernommen.

Den zweiten Krieg überlebte er, zu alt und zu krank für den Heldentod, daheim in Thüringen. Aber er hatte von seinen früheren Seereisen außer einigen exotischen Pfeifen aus Ton, Meerschaum und Tropenholz das Fernweh mitgebracht. In Bücherschränken, auf Regalen, in Vitrinen standen die Blickfänge meiner kindlichen und jugendlichen Sehnsüchte: hauchdünnes Porzellan aus Japan, Buddhafiguren aus Singapur, ein Ebenholztisch aus Indien. Ein ausgestopfter Kugelfisch und ein Haifischgebiss waren von Hand beschriftet: „Madras 1911”.

Mit diesen geheimnisvollen Utensilien bin ich aufgewachsen. Kaum dass ich lesen konnte, verschlang ich „Köhlers Deutschen Flottenkalender”, von 1906 bis 1913 jährlich erschienen, ich bestaunte die Panzerkreuzer, bedauerte, dass diese Riesenschiffe, auf deren Decks sich Matrosen reihten, befehligt von würdig dreinblickenden Backenbärten über Uniformbrüsten voller Orden, dass all diese Pracht und Herrlichkeit mit dem Kaiserreich untergegangen war. Die deutschen Ingenieure – waren ihre Schiffe, Zeppeline, Automobile nicht die besten? Hatten sie nicht immer wieder Land und Leute emporgebracht, ganz nach vorn? Nur im Krieg hatten sie kein Glück – das beschäftigte den kaum Zehnjährigen. Was es damit auf sich hatte, erfuhr ich weder von der Mutter noch von der Großmutter; was letztlich entschieden hatte über Sieg oder Niederlage, blieb ein dunkles Geheimnis, blieb Pech, das an den Deutschen klebte, mit den Russen ins Land sickerte, die Thüringer Familie von den Verwandten im Westen isolierte und das Reden über Verlorenes, über Reisen, Freiheit und Fernweh in rigide politische Fesseln zwang.

Opa war längst tot und begraben, als ich lesen lernte, aber seine Tabakspfeifen waren übriggeblieben, ebenso wie die Zutaten: Tabaksbeutel, Tabaksdosen, Reinigungsgerät und ein bleiernes Gefäß mit bleiernem Deckel, um den Stoff zu pressen, aus dem der alte Mann die schönsten Kringel zauberte, wenn er eine der Pfeifen entzündete. Damit hatte er die Augen des Kindes zum Leuchten gebracht, als er es unterm Weihnachtsbaum auf dem Schoß hielt. Eigentlich nur ein einziges Mal, im Jahr vor seinem Tod und meinem dritten Geburtstag, 1953.

Dass einer sich an etwas erinnert, was vor dem dritten Geburtstag geschah, halten Entwicklungspsychologen für ausgeschlossen. Beschäftigten meine Phantasie also nur die herumliegenden Pfeifen und Utensilien, die Erzählungen und das sichtbare Beispiel meines Onkels, Karls Bruder, der ebenfalls rauchte, allerdings billige Zigarren? Deren abgeschnittene Enden hob er in einer Schachtel auf, um sie schließlich in der Pfeife zu rauchen. Ja, er war geizig, aber tolle Kringel produzieren konnte er auch.

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Rezensent sein? – Lieber was empfehlen

Titel des Buches "Chef sein? - Lieber was bewegen!"Ja, ich bin voreingenommen, denn ich kenne und schätze Gebhard Borck seit Jahren, wir haben uns über seine Ideen lebhaft ausgetauscht. Ich bin also kein "neutraler" Kritiker, das Erscheinen dieses Buches hat mich sehr gefreut, ich wünsche ihm viele, viele Leser. Dem Vorhaben von Stefan Heiler, sich mit seinem Unternehmen im Wettbewerb am Markt ganz ohne “Führungskräfte” zu behaupten, dabei unkonventionell mit einem "Katalysator" namens Borck vorzugehen, gehört meine ganze Sympathie. Es ist ein mutiger Schritt, er hat sich gelohnt, und die ihn wagten, waren so oft am Rande des Scheiterns, dass einen auf über 300 Seiten niemals die Fragen loslassen “Schaffen sie ’s? Und wenn ja – wie?”.

Das liegt auch an der Erzählform. Die Sprache bleibt locker und gut verständlich, selbst wenn durchaus Fachwissen vermittelt wird – etwa an einen Nicht-Betriebswirt wie mich. Graphiken veranschaulichen gedankliche Abläufe und Prozesse im Unternehmen. Einen chronologischen Ablauf in einer Geschichte von Helden, die “per aspera ad astra” dem Sieg entgegen streben, gibt es nicht, stattdessen einen skizzenhaften Aufriss von Begebenheiten, vor allem Konfliktlagen. Sie erscheinen mal anekdotisch, mal als Dialog oder Gesprächsprotokoll, manchmal als lapidarer Bericht. Manche zeitliche Zuordnung mag sich der Leser selbst erschließen, er muss es nicht, um das Wesentliche am Geschehen zu begreifen: Wie bei der Alois Heiler GmbH in Waghäusel eine ganz neue Unternehmensform gelebt – bisweilen erlitten – wurde. Dabei haben alle Beteiligten, nicht nur die Autoren, "Denkwerkzeuge" entwickelt und erprobt, sie haben eine "Firmen-DNA" modelliert, von der andere vergleichbare Vorhaben einiges lernen können.

Zwischen dem Unternehmer Stephan Heiler und seinem Berater Gebhard Borck wuchs während dieses Prozesses eine schöpferische Freundschaft, wie sie sich einer wünscht: Beim Lesen wird deutlich, wie stark das Vertrauen in die Kompetenz und Verlässlichkeit des anderen ist. So etwas steckt durchaus an. Zugleich legten beide größten Wert auf die Transparenz aller Entscheidungen der jeweils Verantwortlichen – und das waren eben keine Chefs, Abteilungs-, Gruppen- oder sonstigen Leiter, sondern immer öfter die Mitarbeiter selbst, Männer und Frauen, die sich in neuen Rollen beweisen mussten – und durften. Keineswegs alle waren mit einer “Sinnkopplung” dauerhaft an derart eigenverantwortliches Handeln in vernetzten, nicht hierarchischen Teams zu binden. Viele verließen Heiler, darunter sehr kompetente. “Der Mensch ist ein Gewohnheitstier”, heißt es nicht von Ungefähr; lieb gewordene Muster und Rituale locken mit einem Gefühl von Sicherheit bei weniger Energieaufwand, womöglich besserer Bezahlung: Angepasst an den Mainstream lebt sich’s für viele komfortabler.

Das Buch ist eine durchaus vergnügliche Lektion übers Fragen, über Reibungen, Missverständnisse und Turbulenzen. Dass Klatsch und Tratsch auch bei diesem Beispiel von “New Work” unausrottbar bleiben, überrascht nicht, aber es macht Spaß, den Autoren bei diesem wie anderen "Fällen" aus ihrem Alltag über die Schulter zu schauen. Wer das – über das Buch hinaus –  tun möchte: Weblogs sowohl des Unternehmens Heiler als auch von Gebhard Borck bieten reichlich Informationen. Patentrezepte werden sich dort kaum finden lassen, dafür eine ermutigende Menge von Erfahrungen im Umgang mit Konflikten auf dem Weg in alternative Arbeitswelten.

Gebhard Borck, Stephan Heiler "Chef sein? Lieber was bewegen! – Warum wir keine Führungskräfte mehr brauchen", 304 Seiten, Heiler&Borck 2018

Ideen beim Aufräumen des Kellers

Von Wahlen ist andauernd die Rede, Umfragen und Prognosen sind allgegenwärtig in den Medien, auch wenn es noch ein Jahr oder länger dauern kann, ehe einer wieder aufgefordert ist, seine Stimme abzugeben. Das ist schon lästig genug, schlimmer wird es, wenn Wahlplakate auftauchen. Sie fordern dazu auf, sämtliche schlechten Erfahrungen mit Parteien zu vergessen und zu glauben. Woran? An Versprechen, die so schwammig, irrational und unglaubwürdig sind, dass sie schon von Weitem stinken. Gestern fielen mir bei einer ungeliebten aber nützlichen Arbeit ein, welchen Reim ich mir darauf machen könnte, um mich weniger zu ärgern.

Wahlversprechen

Wenn‘s im Keller schimmlig müffelt
könnte es geboten sein
man schaut dort in Ecken rein
wo von Flaschen, ausgesüffelt
noch Kartons ihr Dasein fristen
die uns einstmals, bunt und fein
sagten, was wir trinken müssten
um von Herzen froh zu sein.

Solche Reste riechen übel
wie Erinnerung an Wahlen
als ich einstmals unter Qualen
bombardiert mit Wachstumszahlen
leicht beschwipst von den Versprechen
mich entschloss, den Schwur zu brechen
nimmermehr daran zu glauben
dass – ob Falken oder Tauben –
der Gewählten einzig Ziel
nicht sei: Wähl mich – und schweig still.

In der Stille fault sodann
was man nur noch ändern kann
wenn man hart und ohne Säumen
ausräumt, was statt bunten Träumen
Moder und Verfall gebar.
Merke: Über falsch und wahr
frage nicht die Emballage
Prüf den Inhalt, hab Courage.
Was dir imponieren will
allzu oft ist‘s nichts als Müll.

Vom Glück, nicht beachtet zu werden

Pieter Brueghel "Superbia" - der Hochmut

Der mechanische Wahn, der alles quantifiziert und sich die Welt zurecht-rechnet, zurecht-modelliert mittels digital inflationierter Statistik, ebnet den Unterschied, also die Qualität, im Dienste von Geldmaschinen oder politschen Superdominanzen – schlimmstenfalls im totalitären Staat – ein. Die Superdominanzen in seiner Gefolgschaft schillern inzwischen in allen ideologischen Tarnfarben – alle erweisen sich als zwiegeschlechtliche Frucht von Kapital und Religion oder Machtgier und Bigotterie oder … denk er sich jede moderne Verbindung jeder Sorte religiösen Irrsinns mit Habgier, Herrschsucht, Rachegelüsten, Schadenfreude etc. hinzu. Dem nicht als – mehr oder weniger williger – Gehherda ausgeliefert zu sein, ist höchstes Glück und köstlicher Tanz auf dem Ereignishorizont.

So weit, so gut. Mir hat es nichts ausgemacht, dass meine Bücher und Weblogs wenig beachtet wurden. Für mich waren sie der Garten, den ich zum Ende meines Lebens hin mit mir gefälligen Blüten bepflanzen wollte, öffentlich zugänglich, allfälligen Besuchern zum Vergnügen. Kritiker mit guten Ideen, wie manches zu beschneiden, zu erneuern wäre, sind darin willkommen. Der Wettkampf von Konzernen und Politbürokraten um die Weltherrschaft wollte es, dass die EU-Administration diese Art individueller Gärtnerei Regeln unterwerfen zu müssen meint, die Aufmerksamkeits-Monster wie Google, Microsoft, Amazon, Facebook etc. im Gebrauch von Nutzerdaten zügelt.

Es war zu lesen, dass Google 500 Mannjahre aufwenden musste, um den Anforderungen der DSGVO nachzukommen. Ein Blick auf die Dienste, die sich unterm Dach dieses Giganten sammeln, die dort auf komplexe Weise vernetzt sind, die einer wie ich gern gratis schon aus Neugier nutzt, lässt einen ahnen, welches Ausmaß solche Regelungswut erreicht. Und ich habe keine Ahnung, inwiefern ich womöglich durch ein dort gehostetes Weblog gegen irgendeine der mir kaum verständlichen Auflagen verstoße, was rührigen Fachleuten dank von schlauen Algorithmen geleisteter digitaler Nachforschungen gestattet, mich kostenpflichtig abzumahnen.

Vorsorglich habe ich also meine Weblogs bei blogger.com entöffentlicht – leider auch "kosmosmensch.blogspot. com", wo ich gratis Texte und deren Überarbeitung zu meinem Buch "Der menschliche Kosmos" zehn Jahre lang zugänglich machte.

An dieser Stelle sei ausdrücklich der Anwaltskanzlei Dr. Thomas Schwenke gedankt, die Bloggern wie mir einen Generator für die DSGVO-konforme Datenschutzerklärung online an die Hand gab: Bei WordPress.com gehostete Webauftritte können hoffentlich auf diese Weise weiterhin Teil des demokratischen Meinungsspektrums bleiben, ohne denunziert und von Profiteuren des Abmahngeschäfts zum Aufgeben gezwungen zu werden. In derlei juristischen Konstellationen bleibt einer freilich – wie auf hoher See – des Geschickes Mächten ausgeliefert. Sei’s drum: Der Schiffbruch ist seit je Lebensrisiko.

Deuter und Diktatoren

Vierbeiner gut – Zweibeiner schlecht!
 

Wenn Politiker im Kampf um die Deutungshoheit auf dem Weg zur Macht Herdenimpulse nutzen – tut das die Gegenseite, wird sie gern als "populistisch" geschmäht – leisten immer noch die Methoden der Schweine in Orwells "Farm der Tiere" gute Dienste. Allerdings zeigt sich, wie bei Orwell nachzulesen, dass die Realität ziemlich hartnäckig widersteht, wenn Ideologen sie schweinemäßig umzulügen versuchen.

Das Wort "Freunde" erlebte in der DäDäÄrr auf diese Weise einen Bedeutungswandel. Stalinismusverträglich wurde es von der Politbürokratie auf jeden beliebigen Einwohner der Sowjetunion gemünzt. Es gab eine "Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft", wer nicht berufliche Nachteile in Kauf nehmen wollte, wurde Zwangsmitglied – "freiwillig gezwungen" nannte das der Volksmund. Da insbesondere die Chefs der KPdSU wenig freundschaftliche Gefühle weckten, drückte "die Freunde" umgangssprachlich das Gegenteil aus: Misstrauen, Hohn, Spott.

Die meisten Russen haben nicht verdient, in diesem Sinn als "Freunde" bezeichnet zu werden. Das legt die Frage nahe, ob es nicht als zu verfolgende "hate speech" einzuordnen ist, überhaupt irgendeine Menschengruppe so zu bezeichnen.

Oder anders gewendet: Darf jemand wie Heiko Maas es als "hate speech" einordnen, wenn ich ihn als Freund, als hm, äußerst honorigen Volksvertreter oder leuchtenden Verfechter des Grundgesetztes bezeichne? In Kenntnis meiner Denkweise könnte er sich womöglich beleidigt fühlen. Das Problem hat E.T.A. Hoffmann im "Meister Floh" schon einmal illustriert: der Geheime Rat Knarrpanti sah sich jederzeit imstande, Personen zu kriminalisieren. Habe man einen Delinquenten erst einmal inhaftiert, meinte er, fände sich schon das passende Delikt, ihn auch gerichtsfest beliebig lange hinter Gitter zu bringen. Die böse Satire Hoffmanns auf den seinerzeitigen Berliner Polizeidirektor fiel folgerichtig unter Zensur, der Autor entging selbst strafrechtlicher Verfolgung nur, weil ihn der Alkoholtod dahinraffte.

Ich überlege, ein "Dschungelbuch der Deutungen" zu schreiben, das die ganze Komplexität solcher tierisch-menschlichen Phänomene zumindest aufscheinen lässt. Aber womöglich wäre das nur ein ebenso hoffnungsloser Versuch wie die Texte von Peter Panther, Theobald Tiger,… alias Kurt Tucholsky, den Erich Kästner einmal als kleinen dicken Berliner beschrieb, der versucht habe, mit seiner Schreibmaschine eine Katastrophe aufzuhalten. Die Umdeutungen haben wieder Konjunktur in der Politbürokratie und ihrer ideologischen und journalistischen Gefolgschaft.

Die Einwohner der DäDäÄrr durften zwar Tucho lesen, der war ja Antifa, aber nicht Orwell. Manchmal frage ich mich, ob der Applaus für die Weisen von damals nicht den heutigen Herden als Ersatz fürs Nachdenken über die Verhältnisse im eigenen Gatter dient. In der Regel befreit sie von ihrem Schicksal nur der Schlachter oder ein Wirbelsturm. Aber in stürmischen Zeiten der Freiheit sind Herdentiere meist ratlos, sie wecken nostalgische Wünsche nach verlorener Stallwärme. Zu besichtigen etwa bei den ihrer Sowjetunion beraubten Freunden.

Was bleibt? Tiefes Misstrauen gegenüber Deutern. Tieferes Misstrauen gegenüber Deutern von Gut und Böse. Tiefstes Misstrauen gegenüber Deutern, die Herdenimpulse in Dienst nehmen wollen, indem sie Propaganda als Heilsversprechen ausgeben.