Unterwerfung

Hervorgehoben

Wer seine Aufmerksamkeit von den Szenarien der „Klimarettung“ löst und sich mit realen Gefahren dieser Welt befasst, stößt auf beunruhigende ungelöste – womöglich unlösbare? – Konflikte. Ein zusätzlicher Blick in die Geschichte verdeutlicht, dass sie fast jederzeit in Kriege übergehen können, deren Verlauf und Ende Klimaszenarien erledigt. Was sagt die Erfahrung?

Die Eiapopeia- und Grusel-„Narrative“ allgegenwärtiger Quotenmaschinen lügen darüber hinweg. Sie vertrauen auf das Gewohnheitstier im Menschen, sie beschäftigen es mit Krimi, Sport und Talkshows rund um die Uhr, sie „framen“ Informationen passend zu ihrer selbstgewissen „Haltung“ und rechnen sich diese Form verblödenden sozialen „Hausfriedens“ als moralisches Verdienst an, für den jeder zahlungspflichtig ist.

Das funktioniert, weil kaum irgendwer sich nach Konflikten sehnt, fast alle sich aber gern im Fernsehen, Kino, im Buch oder Videospiel mitleidend den Verfolgten als Hüter der Gerechtigkeit gesellen, schadenfroh das Böse unterliegen sehen. Für die meisten sind Krieg, Spucken und Schläge ins Gesicht, Vergewaltigung, Raub, Einbruch in die eigene Wohnung fern ihres realen Erlebens. Sie arbeiten sich daran emotional in virtuellen Räumen lesend, zuschauend oder -hörend, Killer-spielend oder in den Scharmützeln der Social Media ab: Sie haben das alles jederzeit unter Kontrolle, so genießen sie den Kitzel der Angstlust. Falls sie bei facebook oder twitter unter verbalen Beschuss geraten, gar in einen „Shitstorm“, erwacht jäh der Wunsch, diesen Gegner auch unter Kontrolle zu bekommen. Es gibt Organisationen, die ihnen beizustehen versprechen, natürlich bieten sich – fürsorglich – der Staat und die Quotenmaschinen an.

Inzwischen dringen allerdings die weltweit brennenden Konflikte ins reale Leben ein. Das Vertrauen der Vielen in eine staatliche Ordnung, die sich das Gewaltmonopol vorbehält, wird erschüttert, wenn sie außerstande ist, es durchzusetzen. Polizisten sind längst permanent ebenso überfordert wie Staatsanwälte und Gerichte. Derweil blüht das Geschäft von Anwälten, die soziale Benachteiligung, kulturellen (religiösen) Hintergrund, persönliche Traumatisierung ihrer kriminellen Klientel wortreich zu deren Verteidigung ins Feld führen. Der Rechtsstaat kapituliert in immer mehr Fällen vor der schieren Masse notwendiger gerichtsfester Ermittlungen.

Es gibt ihn ohnehin nur noch auf dem Papier, weil mindestens ein großer Teil der Justiz nicht mehr unabhängig, sondern in ideologischen Zwangsjacken herrschender Parteien operiert. Diese Parteien aber sind nicht auf das Gemeinwohl fixiert (sofern sie es je waren), sondern auf ihre Machtimpulse. Nur die Konkurrenz mit anderen Parteien zwänge sie, über Grundwerte wie das Recht auf freie Meinungsäußerung, die Versammlungsfreiheit oder die der Berufsausübung und die Freiheit von Wissenschaft und Kunst nachzudenken. Nur Konkurrenz zwänge sie, Freiräume und Widerstände zuzulassen. Ist eine solche Konkurrenz erkennbar? In meinen Augen nicht.

Im Einparteiensystem der DDR waren Alternativen eliminiert, die „GroKo“ lässt, anhand der Aktivitäten zur Zensur im Internet und zur Ermächtigung nichtstaatlicher Korporationen erkennen, wohin sie steuert. Der BND, der Verfassungsschutz mögen demokratischer Kontrolle unterliegen – eine wachsende Zahl von mit Steuern finanzierten und von Parteien oder NGO gesteuerten politischen Korporationen sind längst unkontrollierbar. Und sie zeigen erstaunlichen Ehrgeiz, unliebsame Meinungen im bislang unkontrollierten Internet zu unterdrücken. Sie wollen eine außerstaatliche Zensur, sie wollen unangreifbar werden wie Öffentlich-Rechtliche Anstalten, deren Quotenfixierung, Versorgungsmonopol und Finanzgebaren seit langem ihren grundgesetzlichen Auftrag zur Farce werden lässt.

Sie alle haben ihre Wirklichkeiten: Die Parteiführer, die Medienchefs, die Mitläufer, die wütenden Gegenspieler von der linken, rechten, feministischen, Gender-, Islam-, Irgendwiefundi-, Veganerfront. In diesen Wirklichkeiten werden genau jene realen Konfliktfelder ausgeblendet, für die sie keine Konzepte und Strategien haben. Die Realität aber hat eine unendlich scharfe, harte und unausweichliche Kante. Sie scheidet Wollen von Erfahrung, Wahnideen von Wissen.

Für Wolfgang Sofsky

beim Lesen seines Essays „Macht und Stellvertretung“

Im Schatten der Malve
den Dauerton vibrierender Flughäute im Ohr
und die Gesänge von Amsel und Grasmück
fern dem Geschwätz
dem Getöse der Masse
den Dreschflegeln
und Drehbänken
an denen sie mit Phrasen
und Worthülsen sich bedient und traktiert
hole ich mir die Stille zurück
für die letzten Schritte
zum Paradies und zur Freiheit.

Jugend ohne rote Sonne

30 Jahre sind es, dass die kommunistischen #Politbürokraten in China den Widerstand der demokratischen Opposition blutig niederschlugen. Das Regime von Xi Jinping, dem neuen „Großen Vorsitzenden“ in der Nachfolge von Mao Zedong will das vergessen machen. Er wird scheitern.

Eigensinn verpflichtet!

Tiel von "Chinakinder"Wem gehört die Zukunft in China, Hongkong, Taiwan?

Dieses Buch verdient jede Empfehlung. Schon deshalb, weil es die großartigen Romane von Liao Yiwu dokumentarisch ergänzt, weil es obendrein Leser erreicht, die mit chinesischen Traditionen, mit Geschichte und Kultur des Landes noch wenig vertraut sind. Sonja Maaß und Jörg Endriss haben 30 junge Chinesen auf ihren Reisen porträtiert, befragt, und ihre höchst unterschiedlichen Selbstauskünfte zu Alltagserfahrungen, Wünschen, Hoffnungen und zur großen Politik aufgeschrieben. Sie haben nicht nur die unter Mao Zedong und Deng Xiao Ping geprägte „Volksrepublik“ der Kommunistischen Partei, sondern auch die 1999 von der britischen Krone aus kolonialer Bindung entlassene „Sonderverwaltungszone“ Hongkong und die „abtrünnige Provinz“ Taiwan erkundet. Das ist schon deshalb spannend, weil die historisch höchst unterschiedlich gewachsenen politischen Verhältnisse heute denselben Prozessen globaler Wirtschaft unterworfen sind, Peking eine gewaltige Übermacht hat, Hongkong und Taiwan gleichwohl selbstbewusst auf kommunistischen Dominanzanspruch reagieren.

Jedes einzelne der Kurzporträts ist lesenswert, weil…

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Kapitel 2 (1)

Titel von "Der menschliche Kosmos"

Erstausgabe, 2006 im Salier Verlag Leipzig erschienen

Dieses Buch muss fortwährend überarbeitet werden – mit diesem Vorsatz wurde es geschrieben, daran ist nicht zu zweifeln, ebensowenig an seiner fortwirkenden Brisanz im Ganzen. Bücher wie “Affenmärchen – Arbeit frei von Lack und Leder” lassen das ebenso deutlich werden wie Stellungnahmen von vielen anderen zu dringend notwendigen Veränderungen der gesamten Arbeitsorganisation.
Da der “Kosmos” in einigen grundlegenden Fragen dem Verständnis brennender Konflikte in unserer immer kleiner werdenden Welt dient, in deutschen Medien gleichwohl wenig mehr zu hören ist als das Geräusch der Gebetsmühlen, stelle ich einige Texte gratis zur Diskussion. Das Vorwort ist bereits online.

Kapitel 2

Die Erschaffung des An-Gestell-ten
Die „Verwertung“ der Persönlichkeit. Alte und neue Existenzängste. Wie Menschen zu Kugelschreibern werden.

Der einzelne Mensch ist ein Nichts. Sieben Milliarden Menschen leben inzwischen auf der Erde. Bilder wie das eines Sandkorns in der Wüste oder eines Tropfens im Ozean sind schnell gezeichnet. Die Erfahrung von Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit des Einzelnen ist in unserem Jahrhundert allgegenwärtig, nicht nur in den Massenheeren und -morden, auch in der Arbeitswelt und der bürokratischen Verwaltungsmaschinerie. Der Einzelne erscheint aus der Zeitperspektive ebenso mikrobenhaft: seine Lebensspanne ist winzig – gemessen an der Geschichte des Kosmos, ja selbst der Gattung.
Das Leben hat ein Mittel gegen die zahlenmäßige, „quantitative“ Bedeutungslosigkeit, gegen damit verbundene Ängste, gegen das Gefühl der Ohnmacht: das Individuum kann in einem Metasystem, einem Sozialgebilde aufgehoben sein – z.B. in einer Herde oder in einem Bienenstaat. Die Zugehörigkeit zu einem Metasystem hilft dem Einzelnen, zu erlangen, wessen er bedarf und schützt ihn vor Verlusten. In sozialen Verbänden werden die Möglichkeiten der Individuen nicht einfach addiert, sondern innerhalb eines neuen Organismus vernetzt. Strategien entstehen, die über die individuellen weit hinaus reichen. Sie folgen dennoch nicht beliebigen Mustern, sondern den charakteristischen, genetisch angelegten, die nach innen und außen interagieren. Die Zugehörigkeit zum Sozialgebilde hat ihren Preis: der Einzelne muss mit den Bewegungsmustern des Metasystems zurechtkommen und Rollenzuweisungen hinnehmen – z.B. die eines Angestellten.
Der einzelne Mensch ist alles. Jede Geburt verändert die Welt. Sie ist unentbehrlicher Teil jenes Prozesses, der aus Möglichem Wirkliches werden lässt, und seit die Betrachtung komplexer dynamischer Systeme uns belehrt, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in der sibirischen Taiga über Beginn und Verlauf eines Hurrikans in Mittelamerika entscheiden kann, müssen wir die Bewegungen eines Individuums mit anderen Augen sehen. In seiner einzigartigen Erbinformation erscheint zugleich die gesamte Entwicklungsgeschichte eingefaltet und bisweilen gewinnt das Handeln eines einzelnen Menschen überragende Dimension, wenn er in die Rolle z.B. eines Diktators oder Attentäters hineinwächst – oder auch in die eines Künstlers.
Handelnd und sich verändernd gestaltet der Einzelne sich selbst und seine Umgebung. Aus dem „Genotyp“ wächst der „Phänotyp“, dessen eigentümliches Sein das Sein der Welt notwendig mit definiert. Für den Einzelnen spricht nicht die Quantität, sondern die Qualität.
Der Markt vermittelt. Denn der Einzelne muss sich ernähren, wohnen, gesund erhalten. Der Markt bietet ihm, was er nicht selbst schaffen kann und verlangt etwas dafür: Geld, den großen Gleichmacher, das universelle Maß für jeden Gegenstand von der Kartoffel bis zum Kernkraftwerk und jede Leistung vom Schuhe putzen bis zur Herzoperation.
Im Geld verschwindet aber zugleich jede Eigenart es quantifiziert alles. Selbst Beziehungen zwischen Menschen kann es die Eigenart austreiben: Es bleiben käufliche Dienste übrig, bei denen egal ist, wer sie nutzt oder erbringt. Anderseits kann der Einzelne seine Existenz nicht auf Qualitäten aufbauen, die am Markt nicht gefragt sind.

Fortsetzung: Kapitel 2 (2)

Gewalt–Macht–Lust. Schönheit will Geduld

Parkanlage in Baden-Baden

Die Gönneranlage in Baden-Baden: Fleißige Gärtner lassen sie leuchten

Darf, soll sich einer nicht zerrissen fühlen, wenn er die Schönheit der Welt erschaut, hört, mit allen Sinnen sich ihr zeitlebens geöffnet hat, andererseits immer wieder der Massaker gewahr wird, der unbelehrbaren Hassgesänge in den Medien, des Gekreischs der nach Aufmerksamkeit gierenden Sozialmechaniker, die mit ihren kausalen Kurzschlüssen alles erklären zu können meinen, kurz: Aller erdenklichen Hässlichkeit jenseits allen Maßes und ohne Aussicht auf Besinnung, ohne Einlenken mit dem Blick darauf, wie viel Schönheit ihre fanatisch auf eigene Dominanz fixierte Wahrnehmung fortwährend, in jedem Augenblick, unwiederbringlich zerstört? Es wird ihn zerreißen. Und er wird resignierend feststellen, dass hier Naturgesetze geradesogut für das Geschehen verantwortlich zu machen sind wie eine undurchschaubare göttliche Weisheit.

Aber ich werde nie akzeptieren, dass irgendwer für sich beanspruchen darf, göttlicher oder “wissenschaftlicher” Sendung zu folgen (im Falle der “wissenschaftlichen Weltanschauung” des Marxismus-Leninismus-Maoismus handelt es sich zwar um Ersatzreligion, aber solche Unterschiede werden von ihren Anhängern beharrlich ignoriert), die just seine Weltsicht als Ausweis religiöser, politischer oder wirtschaftlicher Vormacht unangreifbar macht und ihm erlaubt, andere zu dominieren.

Die vermeintliche zeitliche Abfolge von Gesellschaftsformen erweist sich als fortdauerndes Nebeneinander. Sie sind alle da: Die Rudelführer, Kriegsherren, Sklavenhalter und –händler, Cäsaren und ihre Statthalter, Propheten aller Art nebst Mitläufern, Zaren, Kaiser, Revoluzzer und Umstürzler, Dorftyrannen, Stammesfürsten samt Harem, Menschenfresser, Bombenwerfer, Blockwarte und Lagerverwalter – und Heerscharen von Nutznießern, Weißwäschern, Denunzianten – Männlein und Weiblein – haschen nach ihrem Anteil am beseligenden Gefühl der Zugehörigkeit, nach dem Schutz der Herde und ihrem Moment der Teilhabe an Gewalt Macht Lust.

Sie sammeln sich auch um passende Gegenspieler. Gern maskiert sich der Wunsch nach Umsturz als Opferpose; passiv-aggressiv verharrt, wer zur Ohnmacht verurteilt ist, im Destruktiven, wird heimlich zum Gegenspieler – zur Gegenspielerin – der Mächtigen, bis sie in unvermeidliche Krisen geraten, dann läuft er den neuen Herren zu. Dabei sortieren sich die Herrinnen gern im Hintergrund: In Jahrhunderttausenden haben sie gelernt, mit Verhältnissen umzugehen, die Männern Heldenposen gestatten, ihnen und der Nachkommenschaft ein gedeihliches Auskommen im Windschatten. Natürlich kennt die Neuzeit den Prinzgemahl. Aber egal wie “queer” sich Geschlechter-Verhältnisse gestalten mögen: Die überkommenen menschlichen Handlungsimpulse aller Epochen prägen sie. Neid, Hab- und Machtgier, Eifersucht, Missgunst, Argwohn, Feigheit, Rachsucht. Die entgegengesetzten freilich auch: Liebe, Hilfsbereitschaft, Aufgeschlossenheit…

Das Schöne bleibt – so gern jeder Politkitsch es in plastinierter Form dienstbar machen möchte – ein Gemeingut, das sich nur die Ärmsten der Armen für Geld abkaufen lassen.

Die Lust am Quälen und die Widerstandskraft der Banane gegen die Frage “Warum”

Dies ist eine Leseprobe zur Neufassung von “Der menschliche Kosmos” – Kapitel 1.

Emscher in Recklinghausen

Die Emscher bei Recklinghausen  im Januar 2005 (Foto: Stahlkocher in der Wikimedia CC 3.0)

Beginnen wir die Entdeckungsreise in Nachbars Garten an der „Köttelbecke„, also einem der offenen Abwasserkanäle des Emschersystems im Ruhrgebiet. Die kleinen Gärten hinterm Reihenhaus sind in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts so typisch wie die im Sommer oft übel riechenden Betonrinnen für Abwässer quer durch die Siedlung; sie können wegen der vom Bergbau verursachten Erdbewegungen nicht unterirdisch verlegt werden. Unsere Nachbarn, ein Ehepaar von etwa sechzig Jahren, sind trotzdem fast immer in ihrem Gärtchen. Sie haben sich sogar einen kleinen runden Pavillon mit grünen Fensterscheiben gebaut, obwohl es vom Liegestuhl nur ein paar Schritte ins Haus sind. Wir wunderten uns anfangs, wieso jemand sich in einem Gartenhaus grüne Gardinen vor die Fenster hängt, bis wir bemerkten, dass es weiße Stores hinter grünen Scheiben waren, die uns befremdeten. Ebenso befremdlich erschien uns, dass im Pavillon, den aufzubauen einiges Geld und gute zwei Wochenenden handwerklicher Arbeit gekostet hatte, offensichtlich nur Gartenmöbel untergestellt wurden. Auch dieses Rätsel löste sich: der Pavillon beherbergt etwas viel Kostbareres. Dort steht – in Reichweite, nicht etwa in der einige Gehminuten entfernten Küche – der Kühlschrank, und im Kühlschrank ist das Bier.
Es ist für unsere Nachbarn so wichtig, das Bier in der Nähe zu haben, weil sie sich fast immer streiten. Sie reden ausdauernd aufeinander ein und die wellenförmig aufbrandenden Gespräche gipfeln in beleidigenden Worten. Ein solcher Zyklus der Aufregung läuft aber nicht synchron mit dem Leeren einer Bierflasche ab. Wir haben noch nicht herausgefunden, wer von beiden mehr und schneller trinkt, aber einerlei: es käme anscheinend einem Koitus Interruptus gleich, wenn eine besonders heftige Attacke wegen einer leeren Flasche, eines dann also erforderlichen Ganges in die Küche unterbrochen werden müsste. Tatsächlich ist der Kühlschrank im Pavillon mit den grünen Fensterscheiben Teil eines ebenso detailliert wie unbewusst inszenierten und mit nicht nachlassender Energie aufgeführten Dramas.
Die beiden quälen einander mit Hingabe, sie genießen Bier und Beschimpfungen gleichermaßen (die Texte variieren nur wenig), sie haben an Schwung und Emotionalität nie eingebüßt. Es ist sinnlos, Gründe für das Gezänk finden zu wollen. Nicht einmal Anlässe lassen sich erkennen – außer dass die Sonne scheint und Bier im Kühlschrank ist.
Wenn wir den zu uns über den Zaun herüber wehenden Sprachfetzen vertrauen können, währt ihre Beziehung trotz dauernder Konflikte an der Grenze zur Gewalttätigkeit schon 40 Jahre. Wir beginnen zu verstehen, dass Mann und Frau nicht um Gründe von Ärgernissen streiten, die auszuräumen wären. Sie streiten schon gar nicht um Veränderungen ihrer Umgangsformen miteinander. Bei all der wiederkehrenden Aufregung, all dem Reden und Gestikulieren, während sie sich gegenseitig aufreizen und ankeifen, geht es im Gegenteil darum, dass sich NICHTS verändern soll, sondern dass jeder immer wieder aufs Neue seine Rolle, seine Wahrnehmung von sich selbst gegen den anderen verteidigt. Es handelt sich um eine Dynamik, deren Ziel das Gleichgewicht ist. Und genau deshalb, wegen dieser zum Ritual gewordenen Dynamik, unterscheiden sich die Konflikte unserer Nachbarn nicht von den Konflikten zwischen Parteien, Völkerstämmen, Nationen, religiösen Gemeinschaften. Dort allerdings kann ein Gewaltausbruch Schlimmeres bewirken als ein blaues Auge und ein paar zerschlagene Bierflaschen.

Ein Leben als Angestellter schützt nicht gegen solche Konflikte. Aber sicher ist sicher – oder? Das Kapitel 2 „Die Erfindung des Angestellten“ denkt darüber nach.

Menschenwerk

Liebespaar im Kornfeld

Illustration meiner Mutter zu Erich Kästner „Der Juli“

Die Instrumente menschlichen Handelns ändern sich, nicht aber die Handlungsimpulse. Egal, wie sich Liebespaare finden – über Dienste im Internet, auf Parties, in der Disco oder im Flüchtlingslager: Ihr Ziel ist dasselbe. Und wann, wo, wie, für welchen Zeitraum sie es erreichen: Das ist der Stoff für Träume, Dramen, Opern, Lieder, Gemälde, Romane, Gedichte – so wie in Erich Kästners Versen über den Sommermonat und das „zerzauste Pärchen“, verborgen im Korn auf zerdrücktem Mohn:

„Das Mädchen schläft entzückten Gesichts.
Die Bienen summen zufrieden.
Der Jüngling heißt, immer noch, Taugenichts.
Er tritt durch das Gitter des Schattens und Lichts
in den Wald und zieht, durch den Schluss des Gedichts,
wie in alten Zeiten gen Süden.“

Die stärksten Impulse lassen sich kaum steuern. Das ist der Stoff für Konflikte. Eltern, Lehrer, Tugendwächter, Politiker stehen ihnen immer wieder hilflos gegenüber. Auch wenn sie sich fortwährend neuer, besserer Werkzeuge der Manipulation versichern – Menschen verhalten sich nur zeitweise nach ihren Wünschen. Dann zwingt der blinde Fleck aller Dominanten, ihre  Selbstwahrnehmung, sie zum rücksichtslosen Einsatz ihrer Machtinstrumente. Angela Merkel ist zum schlagenden Beispiel geworden. Sie stellte sich gewiss nicht selbst in jene Phalanx der von Troja bis Vietnam katastrophal Scheiternden, die Barbara Tuchman in „Die Torheit der Regierenden“ beschrieben hat. Ihr Platz darin ist ihr gleichwohl so sicher wie ihr Beharren auf „Alternativlosigkeit“. Sie ist Täterin und Opfer machtbesessener, größenwahnsinniger Politbürokratie. Sie wuchs hinein, sie verlor die Fähigkeit, Folgen ihres Handelns selbstkritisch zu befragen.

Ihr Denkmal steht freilich wie die von Marx, Lenin, Stalin, Mao Zedong auf einem ziemlich gehärteten historischen Sockel. Massen von Mitläufern mauern ihn allzeit auf, solange ihr Eigennutz solche Bauwerke befestigt. Die Instrumente ändern sich, die Handlungsimpulse nicht. Männer und Frauen sind verschieden? Ja – aber genau darin sind sie gleich: In dem Erhalt der Impulse. So passen sie perfekt nicht zueinander.

Wenden wir den Blick ab, geneigter Leser. Wem das Glück widerfährt, das zu verstehen, der kann in all dem unvermeidlichen Geschehen seinen Sinn für Schönheit entwickeln, und wenn er noch mehr Glück hat, erlebt er im Treiben lassen und gegen-den-Strom-Schwimmen ein erfülltes Da-Sein: Zwischen Mut, Angst, Hass und Liebe, Versagen und Gelingen. Das Tier im Menschen wird ihm vertraut. Die Furcht schwindet. Wenn am Ende die Kräfte nachlassen, wird er einsam, und das letzte Glück ist, dennoch geliebt zu werden. Dann nimmt der Schmerz ihn hin.

Es ist der Fluch des modernen Feminismus, dass er sich der Verschiedenheit von Männern und Frauen nicht vergewissern, sondern sie einebnen will. Aber Leben ist Konflikt. Wer den Endsieg zur moralischen Ultima Ratio erklärt, läuft in die Falle des tödlichen Totalitarismus – erkennbar am Elend der Grünen, des Genderismus und aller anderen -ismen. Sie müssen auf Konflikte mit Feindbildern und Krieg antworten. Die Herden der Mitläufer(-innen) sind schnell mobilisiert, denn auch deren Impuls zur Teilhabe an der Macht ändert sich nicht. Diese Herden wachsen – von Krieg zu Krieg – jedenfalls schneller nach, als alle Versuche, mit Konflikten anders umzugehen, als die Katastrophen seit je nahelegten. Deshalb ist die meistgebrauchte Strategie: Mehr desselben.

Immerhin: Die sich daran abarbeiten, sind noch nicht ausgestorben. Insofern darf einer den Glauben an eine Heilsgeschichte nicht aufgeben, auch wenn der Blick aufs politische Personal und seine Gefolgschaft noch so trostlos ist.

Opas Tabakspfeifen (3)

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Die Wirkung schlug schon nach wenigen Minuten durch: Mir wurde kotzübel, mein Darm entlud sich explosiv, die Zeitungsseiten wurden knapp. Falls Ihnen Einsteins Formel „Energie ist gleich Masse, multipliziert mit dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit“ geläufig sein sollte, können Sie gern mal überschlägig berechnen, wieviel Megawattstunden auch nur ein Pfund Fäces bei annähernd Lichtgeschwindigkeit einer Abortgrube zuführen. Na gut, das 200 Jahre alte Fachwerk überlebte die Attacke, ich kroch danach, klapprig wie ein Gespenst aus dessen Gründerjahren, die Treppen hinauf ins Bett meines Jugendzimmers. Dort erfuhr ich wenig später Hohn und Spott meiner Mutter. Der Tabubruch war – dank der wirklich schauderhaften Note von Onkel Walters Resteknaster – unüberriechbar. Als Urheber kam nur ich in Frage. Meine berufstätige Mama, selbst starke Raucherin von ca. 20 filterlosen Zigaretten täglich, amüsierte sich königlich über den schwächelnden Einfaltspinsel, der gern ein großer Mann mit Pfeife sein wollte.

„Wenn der Oppa wüsste, was für einen Dreck du geraucht hast, würde er sich im Grab herumdrehen. Hättest dir ein paar von meinen Zigaretten nehmen sollen statt den alten Geizhals zu beklauen.“

„Das sagst du jetzt. Beim nächsten Mal frage ich dich.“

„Fang den Quatsch gar nicht erst an. Dass ich mir‘s abgewöhnen will, weißt du.“ Natürlich fiel mir sofort die verlorene Wette zu meinem fünften Geburtstag ein. Es ging darum, dass ich mir endlich den Schnuller abgewöhnen sollte. Meine Mutter gelobte, keine Zigaretten mehr anzufassen, falls ich auf den Nuckel verzichtete. Wetteinsatz war ein Roller. Ich bekam ihn. Womöglich war der Griff nach Opas Pfeife die späte Rache für den Entzug wohliger Nuckelei – darüber sollte ein Psychoanalytiker befragt werden. Der Dreizehnjährige erwiderte seiner Mutter jedenfalls hämisch:

„Wir könnten zu meinem Geburtstag um ein Fahrrad wetten, dann lasse ich‘s.“ Nur für einen winzigen Moment blieb ihr die Spucke weg.

„Hör zu, Freundchen. Du wirst dem alten Geizhals noch sehr oft um den Bart gehen müssen, bis du sechzehn bist. Wenn er bis dahin nicht abgekratzt ist und genug rausrückt, dann darfst du dir ganz offiziell einen genießbaren Tabak kaufen. Genießbaren. Rauchen ist nämlich eigentlich ein Genuss. Abfall zu verbrennen ist eine Sauerei, das wusste sogar Tante Martha. Die frigide Schachtel war zwar genauso geizig und bösartig wie ihr Herr Gemahl, dieser Schweinigel, aber eben darum: Kein Rauch im Klo!“

„Dass er bösartig und geizig ist, merke ich beim Schach spielen, aber wieso Schweinigel?“

Meine Mutter kicherte und zündete – das hatte sie vorher nie getan – direkt neben meinem Bett eine Zigarette an.

„Der alte Knabe war hinter allem her, was Röcke trug. Frag deine Großmutter. Als sein kleiner Bruder gestorben war, konnte er sich gar nicht oft genug nach dem Befinden seiner Schwägerin erkundigen. Und da lebte seine Martha noch.“

„Hm. Na ja, wenn sie doch frigide war. Eine Schönheit war sie wirklich nicht.“

„Sie war sogar fünf Jahre älter als er. Aber eine gute Partie. Ihr Vater hat ein großes Mietshaus in Berlin samt komplett ausgestatteter Herrschaftswohnung in der Beletage als Mitgift auf den Hochzeitstisch gelegt.“

„Rechnen kann Onkel Walter. Das habe ich beim Schachspielen gemerkt.“

Jetzt lachte meine Mutter lauthals los.

„Dieses tolle Schachspiel. Echt Elfenbein. Gehörte auch zur Mitgift. Er hat mit allen gespielt und immer gewonnen — soweit ich weiß. Weiß ich was? Mein Vater hat behauptet, Walter und Marthas Vater hätten die Konditionen für die Ehe beim Schachspielen ausgehandelt. Vermutlich war’s wirklich so. Eine weiße Ehe. Als Martha gestorben war, hab ich sie gewaschen. Dein Onkel Walter stand daneben und hat gesagt: ‚Ja, meine gute Martha, du bist nun also wirklich als Jungfrau gestorben’. Ich dachte, ich höre nicht recht. Die haben fast vierzig Jahre zusammen gelebt und er hat sie nicht angerührt, nur um an die Mitgift zu kommen. Dann ist er jeder anderen Frau in Reichweite nachgestiegen. Dieser Lustmolch!“

Meine Mutter zerdrückte Onkel Walter – zusammen mit ihrem Ex-Mann – im Aschenbecher. Hätte sie mich nicht zur Welt bringen müssen, wäre aus ihr vielleicht eine berühmte Malerin geworden – aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. Die Sache mit der weißen Ehe und das verkniffene Gesicht von Tante Martha am Fenster, wenn sie uns Kinder ankeifte, weil wir ihren Mittagsschlaf störten, gingen mir nicht mehr aus dem Kopf.

In der Folgezeit unternahm meine Mutter einiges, Opas Pfeifen zu entsorgen und mir das Rauchen auszureden. Es hat nichts genützt. Ich wollte sein wie Einstein. Als ich sechzehn wurde, befugt, in dieser Angelegenheit selbst zu entscheiden, kaufte ich mir eigenes Gerät und anständigen Tabak – soweit das in der DDR möglich war. Einer von Opas alten Knastermeilern hat als Andenken überlebt, während meine Lust an friedlich glimmenden, duftenden Mischungen aus aller Welt niemals schwand. All die schauderhaften, Schrecken erregen sollenden Bildchen auf Zigaretten- und Zigarren-Verpackungen, alle Mahnungen auf Tabaksdosen, dass Rauchen tödlich sei, bewirken bei mir nur zweierlei: Ich stelle mir Leute, die so viel Missvergnügen in die Welt setzen, unvermeidlich wie Tante Martha vor. Und ich frage mich, was alles ihnen fehlt, um wenigstens ab und zu mal so sympathisch zu wirken wie der Raucher Einstein.

Ende

Opas Tabakspfeifen (2)

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Bei Wilhelm Busch experimentiert Krischan mit Vaters Pfeife

Bei Wilhelm Busch experimentiert Krischan mit Vaters Pfeife

Ich muss etwa zwölf, dreizehn Jahre alt gewesen sein, als mir die Großmutter vorschlug, ihr bei der Pflege des damals achtzigjährigen Onkel Walter zu helfen. Ich sollte ihm mittels eines elektrischen Trockenrasierers alle drei Tage den Bart abnehmen. Meine Mutter war in dem „Volkseigenen Betrieb“ beschäftigt, der diese Apparate namens „Komet“ herstellte, einer davon wurde zu günstigen Konditionen erworben, ich lernte die Faltengebirge im Gesicht meines Onkels kennen, während ich mit oszillierenden Stahlkämmen durch weiße Bartstoppeln wanderte. Ich tat es nicht gern, aber es brachte mir 50 Pfennige ein, genug für Eiswaffeln – die Kugel kostete seinerzeit einen Groschen – und der Aufenthalt beim Onkel beförderte das Interesse am Rauch. Opas Pfeifen, leider vor allem die aus feinem, aber empfindlichen Meerschaum, waren fast alle frühkindlicher Lust am Auseinandernehmen erlegen. In einem unbeobachteten Moment füllte ich eine der überlebenden mit Zigarrenenden aus des Onkels Schachtel. Damit begab ich mich zu einem unbeobachteten Ort: dem Klo.

Die Tonleiter-Treppe im Weihnachtshaus kennen Sie ja schon. Auf dem Treppenabsatz – wir nannten ihn Podest – war die Tür zum „Klohäuschen“, einem Anbau ans 200 Jahre alte Fachwerk. Im Inneren durfte auf der Brille einer Sitzschüssel über einem Fallrohr Platz nehmen, wer seinen Darminhalt den Gesetzen der Schwerkraft anvertrauen wollte. Gelang es ihm, offenbarte das Geräusch aus der Tiefe den Sinn der Namensgebung fürs Häusel: Plumpsklo. Weitere Details erspare ich Ihnen. Strenge Winter wie vor 60 Jahren gibt es nicht mehr, Plumpsklos ebenso wenig, niemand muss mehr – wie meine Mutter seinerzeit – mit einem Eimer kochend heißen Wassers und einem mannshohen Knittel aus Buchenholz ein zugefrorenes Fallrohr freistochern.

Fachwerkhaus und Klo beim Abriss 1971

Fachwerkhaus und Klo beim Abriss 1971

Die Gravitationsgesetze gelten freilich noch in modernsten Sanitäranlagen, und – ob Sie‘s glauben oder nicht – in unserem alten Plumpshäusel war das Rauchen ebenso tabu wie heute in Flugzeug-, ICE- oder Behördentoiletten. Vermutlich lag das an Tante Martha, der Ehefrau von Onkel Walter. Sie war eine erbitterte Tabakfeindin. Zu ihren Lebzeiten hatte der Rentner niemals in der Wohnung rauchen dürfen. Er saß bei schönem Wetter auf einer Bank im Garten oder Hof, bei Regen und Dunkelheit bisweilen im Wirtshaus nebenan, öfter seinem Bruder Karl gegenüber am Schachbrett. Sie versuchten, sich gegenseitig matt zu setzen und meine Großmutter zu räuchern, aber die rheinische Frohnatur erwies sich als äußerst widerstandsfähig. Sie überlebte ihren Mann um vierzig, den Schwager um dreißig Jahre. Tante Martha war – ungeräuchert – lange vor ihrem Gemahl dahingeschieden, weshalb ich an seinen Bart und die abgeschnittenen Zigarrenenden kam. Sie verstehen jetzt auch den besonderen Reiz meiner Initiation als Pfeifenraucher auf dem Plumpsklo: Der Dreizehnjährige brach gleich zwei Tabus: Das Tabakverbot im allgemeinen und Tante Marthas Bann im besonderen.

Das erwies sich obendrein als Glücksfall: Als ich den ersten der schönen Meerschaumköpfe gestopft hatte, fiel mir ein Zeitungsfoto ins Auge. Sie müssen wissen, dass Toilettenrollen in uns geläufiger Form seinerzeit in der DDR unbekannt waren. Wir hatten die Wahl zwischen einer auf Rollen gewickelten Sorte von mittelfeinem grauem Schleifpapier, das nicht in ausreichender Menge produziert wurde, und rechteckig zugeschnittenen alten Zeitungen, die den Mangel überbrückten. Möglicherweise war diese Knappheit sogar von Partei- und Staatsführung gewünscht, weil viele Leute – so wie ich – die Zeitungen noch einmal in die Hand nahmen und lasen, ehe die „Organe des Zentralkomitees der SED“ oder der SED-Bezirksleitungen den Weg übers Hinterteil nach ganz unten antraten.

Ulbricht-Briefmarke, genannt "Grünes Ungeheuer"

Ulbricht-Briefmarke, genannt „Grünes Ungeheuer“

Jeder – bis hinauf ins Politbüro mit dem Ersten Sekretär und Staatsrats-Vorsitzenden an der Spitze – wusste von diesem Alltagsritual. Nur öffentlich darüber zu reden, war tabu. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Aber so leuchtete immerhin ein, warum die Herren der Planwirtschaft nicht alles daran setzten, den Frevel an ihren staatserhaltenden Publikationen zu unterbinden, indem sie mehr, gar bessere Klorollen produzieren ließen.

Jenes Foto also, das mich für einige Minuten hinderte, die Pipe zu entzünden, es zeigte ein bekanntes Gesicht, einen schnauzbärtigen Mann von etwa 50 im eleganten Dreiteiler mit Schlips und Kragen. Die rechte Hand schließt sich um einen Pfeifenkopf, die Pfeife im rechten Mundwinkel, schaut er mit verschmitzter Miene an der Kamera vorbei. Sein graues Haar wuselt um den Kopf herum, als habe eine Hexe es durchwühlt. Es ist ein Opa-Gesicht. Im Text unter dem Bild lese ich: „Vor 30 Jahren kehrte der berühmte Physiker und Nobelpreisträger Albert Einstein Nazi-Deutschland endgültig den Rücken. Heute gehört er zu den Verbündeten im Kampf gegen den Atomtod“. Der zugehörige Artikel handelte von einem Buch über ihn, das gerade erschienen war, aber das interessierte mich nicht.

Ich wusste in diesem Moment nur eines: Pfeife rauchen ist großartig. Nicht wegen des Kampfes gegen den Atomtod, sondern weil dieser berühmte Einstein so sympathisch war in seinem eleganten Anzug, mit der wilden grauen Mähne und den Lachfältchen um die Augen. Er war ganz anders als der Physiklehrer und Schuldirektor mit Spitznamen Giftzwerg, der auf den Zehenspitzen wippte, mit dem Zeigefinger fuchtelte, Tadel an Unaufmerksame verteilte, wenn er bei uns unterrichtete. Einstein war wie mein Opa, seine Augen waren neugierig und gütig. Ich hätte gern sofort mit ihm um die Wette Kringel produziert. Also setzte ich Onkel Walters Zigarrenreste in Brand.

Weiter zum Schluss 

Opas Tabakspfeifen (1)

OpasPfeife

Student in Stuttgart ca. 1906

Dass ich an Opas Tabakspfeifen geriet, war unvermeidlich. Sie hatten sein ganzes Leben lang zu ihm gehört, immer hatte er sich Tabak verschafft und geraucht, sogar in Kriegsgefangenschaft, in den Baracken eines Camps in der australischen Wüste. Das ist über hundert Jahre her. Mit dem Krieg traf er nur zusammen, weil 1914 ein britischer Kreuzer im Indischen Ozean das deutsche Handelsschiff „Rappenfels“ aufbrachte, in dessen Maschinenraum er als Ingenieur Dienst tat. Danach saß er 5 Jahre hinter Stacheldraht, weit genug weg vom Stacheldraht der Fronten und Schützengräben, er hatte Glück im Unglück. Viele seiner Mitgefangenen starben noch 1919 auf See an der spanischen Grippe, als sie auf einem heruntergekommenen russischen Dampfer namens „Kursk“ in die Heimat expediert wurden. Dort gab es für den Schiffsingenieur Karl keine Zukunft, denn die Handelsflotte hatten die Briten als Entschädigung übernommen.

Den zweiten Krieg überlebte er, zu alt und zu krank für den Heldentod, daheim in Thüringen. Aber er hatte von seinen früheren Seereisen außer einigen exotischen Pfeifen aus Ton, Meerschaum und Tropenholz das Fernweh mitgebracht. In Bücherschränken, auf Regalen, in Vitrinen standen die Blickfänge meiner kindlichen und jugendlichen Sehnsüchte: hauchdünnes Porzellan aus Japan, Buddhafiguren aus Singapur, ein Ebenholztisch aus Indien. Ein ausgestopfter Kugelfisch und ein Haifischgebiss waren von Hand beschriftet: „Madras 1911”.

Mit diesen geheimnisvollen Utensilien bin ich aufgewachsen. Kaum dass ich lesen konnte, verschlang ich „Köhlers Deutschen Flottenkalender”, von 1906 bis 1913 jährlich erschienen, ich bestaunte die Panzerkreuzer, bedauerte, dass diese Riesenschiffe, auf deren Decks sich Matrosen reihten, befehligt von würdig dreinblickenden Backenbärten über Uniformbrüsten voller Orden, dass all diese Pracht und Herrlichkeit mit dem Kaiserreich untergegangen war. Die deutschen Ingenieure – waren ihre Schiffe, Zeppeline, Automobile nicht die besten? Hatten sie nicht immer wieder Land und Leute emporgebracht, ganz nach vorn? Nur im Krieg hatten sie kein Glück – das beschäftigte den kaum Zehnjährigen. Was es damit auf sich hatte, erfuhr ich weder von der Mutter noch von der Großmutter; was letztlich entschieden hatte über Sieg oder Niederlage, blieb ein dunkles Geheimnis, blieb Pech, das an den Deutschen klebte, mit den Russen ins Land sickerte, die Thüringer Familie von den Verwandten im Westen isolierte und das Reden über Verlorenes, über Reisen, Freiheit und Fernweh in rigide politische Fesseln zwang.

Opa war längst tot und begraben, als ich lesen lernte, aber seine Tabakspfeifen waren übriggeblieben, ebenso wie die Zutaten: Tabaksbeutel, Tabaksdosen, Reinigungsgerät und ein bleiernes Gefäß mit bleiernem Deckel, um den Stoff zu pressen, aus dem der alte Mann die schönsten Kringel zauberte, wenn er eine der Pfeifen entzündete. Damit hatte er die Augen des Kindes zum Leuchten gebracht, als er es unterm Weihnachtsbaum auf dem Schoß hielt. Eigentlich nur ein einziges Mal, im Jahr vor seinem Tod und meinem dritten Geburtstag, 1953.

Dass einer sich an etwas erinnert, was vor dem dritten Geburtstag geschah, halten Entwicklungspsychologen für ausgeschlossen. Beschäftigten meine Phantasie also nur die herumliegenden Pfeifen und Utensilien, die Erzählungen und das sichtbare Beispiel meines Onkels, Karls Bruder, der ebenfalls rauchte, allerdings billige Zigarren? Deren abgeschnittene Enden hob er in einer Schachtel auf, um sie schließlich in der Pfeife zu rauchen. Ja, er war geizig, aber tolle Kringel produzieren konnte er auch.

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